Judith Rakers befragt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier auf dem Digital Gipfel am 1. Dezember zur Automotive Alliance und der Bedeutung von Gaia-X bei diesem Projekt (Quelle: BMWi)

Auf dem Digital Gipfel erläuterte unter anderem SAP-Chef Christian Klein die Beweggründe, die zu dieser Initiative geführt haben: "Beispielsweise in den USA haben sich viele Unternehmen zusammengetan. Dort sind mächtige B2C-Plattformen, wie Amazon, entstanden. Gerade jetzt in der Pandemie, gerade jetzt in der Krise sehen wir, wie widerstandsfähig diese digitalen Unternehmen sind. Und genau diese Unternehmen verändern gerade ganze Industrien massiv. Durch ihre B2C-Plattformen drängen traditionelle Unternehmen aus dem Markt und expandieren massiv in neue Märkte - auf Grundlage des riesigen Schatz an Daten und allem, was sie über uns als End-Konsumenten wissen."

Für Europa und ganz besonders für Deutschland stellt sich aus seiner Sicht nun die Aufgabe, in den eigenen traditionellen Industrien im globalen Wettbewerb zu bestehen. "Und das wird aus meiner Sicht nur funktionieren, wenn wir den Fokus auf unsere Stärken in Europa und in Deutschland legen." Große Bedeutung komme dabei dem Aufbau von B2B-Industrieplattformen bei, die offen sind, um Datenströme zwischen den Internetunternehmen, Lieferanten sowie Kunden zu digitalisieren. Daraus würden dann neue Geschäftsmodelle entstehen. 

Gaia-X als souveräne Infrastruktur

Als Erfordernisse für eine erfolgreiche B2B-Plattform formuliert er: "Erstens eine souveräne Infrastruktur Gaia-X. Weil Unternehmen sehr viele sensitive Daten in der Cloud teilen werden, über die sie aber zugleich ihre Kontrolle auch behalten wollen." Er nennt die Themen Datenschutz und Datensouveränität als große Schwachstellen vieler B2C-Plattformen. "Und das werden wir definitiv mit Gaia-X besser lösen können", ist C. Klein überzeugt. Als zweiten Punkt eine erfolgreiche B2B-Plattform gibt er an: "Wir benötigen Anwendungsfälle seitens der Industrie. Heute ist ein bedeutender Tag mit der Bekanntgabe der Automotive Alliance. BMW, die Deutsche Telekom, Siemens und ZF Friedrichshafen haben sich in einer Allianz mit SAP entschlossen, eine offene B2B-Plattform für die Automobilindustrie zu entwickeln. Und viele weitere Unternehmen - gerade aus dem Mittelstand - werden der Allianz hoffentlich in den nächsten Wochen beitreten."

Ziel der Automotive Alliance ist es, einen Plattform-Standards für den sicheren Datenaustausch und den Aufbau neuer Geschäftsmodelle zu setzen. "Wir als SAP unterstützen dabei gerne, weil bereits heute 75 % der weltweiten Transaktionen in der Automobilindustrie über unsere SAP-Lösungen laufen. Sprich: viele dieser Daten befinden sich bereits heute in einer SAP-Anwendung. Wir als SAP sind sozusagen ein offenes digitales Postamt gemeinsam mit anderen Technologiepartnern wie Siemens oder der T-Systems. Gemeinsam wollen wir den Mittelstand gewinnen, um ein echtes Netzwerk zu schaffen, das wie bereits erwähnt jedem Unternehmen einen  ignifikanten Mehrwert bieten wird im globalen Wettbewerb. Und Gaia-X bildet das Fundament, die vertrauenswürdige Technologie-Infrastruktur, die Basis für die Automotive Alliance. Wir müssen gemeinsam schnell handeln. Wir müssen zusammen handeln und dann, da bin ich überzeugt davon, hat Europa auch eine echte Chance", schließt C. Klein seine Ausführungen ab.

Dem Industrie-4.0-Erfolg folgen

Dem fügt Oliver Zipser, BMW-CEO, an: „Daten haben in der Automobilindustrie und für das Auto selbst eine große Bedeutung, weil eine enorme Menge an Daten produziert wird, zum Beispiel im Auto selber." Als Beispiel nennt er die Fahrzeuge der BMW Group, die seit 1997 vernetzt seien. "Wir sind mit einer Flotte von über 14 Millionen Fahrzeugen inzwischen in der Lage, Schwarmintelligenz und die Möglichkeiten, die daraus  beispielsweise für die Verkehrssicherheit entstehen, intensiv zu nutzen", erklärt er weiter. Zudem verweist O. Zipser darauf, dass wir dabei nicht am Anfang einer Debatte stünden, sondern uns mittendrin befänden. In der Initiative "Datenraum Mobilität", die mit der Bundesregierung gerade geführt würde, sei man jetzt dabei, diese Daten auch mit anderen Infrastruktur-Teilnehmern zu vernetzen - im öffentlichen Nahverkehr, mit Taxis, mit Fahrrädern, mit Leih-Fahrrädern und natürlich Fahrzeugen, um dort die nächste Stufe zu erreichen.

Als nächsten großen Bereich, wo Daten erzeugt werden, gibt er die Industrie 4.0 an. "Der Bereich Industrie 4.0 hat dazu geführt, dass Europa inzwischen weltweit führend ist in der Vernetzung von Fabriken sowie Objekten und Maschinen innerhalb von Fabriken. Weder in Deutschland, noch in Europa, aber auch nicht weltweit gibt es Fabrik, die keine eine eigene Cloud besitzt oder wo einfach, Stichwort Internet of Things, alle Objekte miteinander vernetzt sind", sagt der BMW-CEO  

Nun folge der nächste Schritt, bei dem auf der Basis von Gaia-X komplette Industrie-, das heißt komplette Wertschöpfungsketten, vernetzt werden sollen. "Die Vernetzung über viele Stufen der Supply Chain ist extrem wichtig. Und dazu wollen wir die Automotive Alliance unter dem Dach von Gaia-X neu gründen. Und wir haben starke Spieler dabei, weil wir hier deutschlandweit, aber europaweit und sogar mit einer globalen Beteiligung einen neuen Industriestandards setzen können. Genau so, wie wir das ja bei Industrie 4.0 gemacht haben", ist O. Zipser überzeugt.

Bundesregierung unterstützt Projektpartner

"Ich bin überzeugt, dass die Automobil- oder der Automotive Branche in Deutschland in einigen Jahren stärker dastehen kann als heute. Und trotzdem nachhaltiger, digitaler, umweltfreundlicher und klimaneutrale sein wird. Das müssen wir erreichen. Und dabei kann uns die Automotive Alliance enorm voranbringen. Es wird nur gelingen, wenn wir uns vernetzen. Und es wird nur funktionieren, wenn wir die Potenziale der Digitalisierung heben", ergänzt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. Dazu seien für die mittelständischen Unternehmen und alle anderen Projektteilnehmer Hilfen und Unterstützungsmaßnahmen vorgesehen. "Wir haben im Konjunkturpaket 35c Zukunftsinvestitionen in die Fahrzeugindustrie vorgesehen. Wir werden das Projekt in dem notwendigen und erforderlichen Umfang begleiten, damit es schnell auf die Beine kommt, damit wir auch hier international Maßstäbe setzen", so P. Altmaier.

Inge Hübner

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