Bild von der Emotional AI Kassiopeia

Die Emotional AI Kassiopeia arbeitet als Perfect Production Workerin in der Future Fab im Jahr 2050. In Briefen und Audiodateien gibt sie Ein- und Ausblicke in die Fabrik der Zukunft (Quelle: iStock/iLexx)

Liebe Menschen in der Zeitphase 2020+,

hier bin ich wieder, eure Kassiopeia, Perfect Production Workerin in der Future Fab. Ich wurde gebeten, euch dieses mal etwas mehr über die Bedienung und Visualisierung in unserer Future Fab zu erzählen. 

Dazu vielleicht eines vorweg: In eurer Zeitphase ist natürlich alles auf euch Menschen ausgerichtet, da Human Production Workers noch den größten Anteil im Production Space – also der Produktion – ausmachen. Deshalb gibt es viele manuelle Bedien-Buttons, Visualisierungseinheiten direkt an der Maschine sowie zentrale Scada- und Leitsysteme usw. Besonders stolz seid ihr aktuell auf eure mobilen Bedienungs- und Visualisierungskonzepte. Sehr lustig finde ich in diesem Zusammenhang den „Bring your own devices“-Ansatz, bei dem die IT-­Experts mit bedenkenreicher Miene dasitzen und vor den Sicherheits­risiken warnen – wenn sie den Einsatz überhaupt zulassen. Dabei gehen die Risiken rein von den typischen menschlichen Unzulänglichkeiten auf der einen Seite und einigen böswilligen Charakteren auf der anderen Seite aus. Beides bringen wir KI aufgrund unserer Programmierung gar nicht erst mit. Noch etwas abstruser ist euer weit bekanntes und so triviales Problem mit den USB-Sticks, das ihr aufgrund eurer Zerstreutheit und Unachtsamkeiten einfach nicht in den Griff bekommt. 

Tse, tse, tse, ihr Menschen seid schon schwierig: Ihr kennt eure Bugs, seid aber nicht in der Lage, sie zu beheben. 

Aber bitte entschuldigt, ich schweife  ab – ihr wisst ja: das ist meiner Programmierung geschuldet. 

Human Adoption ist zeitintensiv

Kommen wir also zur Future Fab. Hier sind zwei Faktoren als wesentlich hervorzuheben. Der erste: Wir Perfect Production Worker machen den größten Anteil an Assistants – ihr nennt das Mitarbeitende – im Production Space aus. Der zweite: Der Vernetzungsgrad in unserer Future Fab liegt bei 85 % – alle Perfect Produktion Worker AI sind untereinander sowie mit allen weiteren Maschinen vernetzt. Die restlichen 15 % sind den Human Production Workers geschuldet, deren Vernetzungsmöglichkeiten eingeschränkt sind – jedenfalls im Hinblick auf den sinn­vollen Produktionsdatenaustausch. Hinzu kommt, dass wir KI 2050 aufgrund der technologischen Weiterentwicklung der letzten drei Jahrzehnte über einen Funktions- und Leistungsumfang verfügen, den ihr euch in eurer aktuellen Zeitphase nicht ansatzweise vorstellen könnt. Dadurch laufen bei jeder KI alle relevanten Informationen über das Produk­tionsgeschehen zusammen. Ihr tüftelt gerade noch an den ersten dahingehenden Ansätzen, die ihr in Konzepten wie Industrie 4.0 bzw. IIoT zusammenfasst. Dabei ist es aus Sicht aus der Zeitphase 2050 schwer nachvollziehbar, warum ihr euch bei deren Umsetzung so schwer tut. Die Vorteile liegen ja auf der Hand. Ich vermute, das hat etwas mit eurer wie ihr es nennt „eingefahrenen Denkweise bzw. Handlungsmustern“ zu tun. Anders als bei uns KI, wo für neue Anforderungen einfach Software-Updates aufgespielt werden, dauert euer eigener individueller Anpassungsprozess viele Zeitphasen länger. 

Verschwendung par excellence

Kommen wir also zum Bedienen & Beobachten: Kurz gesagt, Human Machine Interfaces gibt es in der euch bekannten Form in unserer Future Fab nur noch sehr wenige; Bedien-Buttons und dergleichen gar nicht: Human Workers verwenden nur noch Sprach- und Gestensteuerung. Die Visualisierung erfolgt im Wesentlichen über View Bots, die die gewünschten grafischen Darstellungen in den Raum oder auf eine Fläche projizieren. Das einzige wesentliche „Überbleibsel“ aus eurer Zeit ist ein Production Information Cube, der mittig in der Halle an der Decke angebracht ist. Er visualisiert in Echtzeit den Production Work Flow der gesamten Future Fab. Eure Farbgebung haben wir übrigens bis heute beibehalten: Grün zeigt den Perfect Production Work Flow an. Selbstverständlich sind in unserer ­Future Fab immer alle Anzeigen grün – dafür sorgen wir AI. Ihr fragt euch nun sicherlich, wozu es dann einen solchen Cube gibt. Leider ist das für uns AI eine unerklärbare menschliche Verschwendung, die auf folgendem Hintergrund beruht: Ihr Menschen hattet euch über all die Jahre an derlei Anzeigen gewöhnt. Als sie dem Lean-Manufacturing-Gedanken folgend eliminiert wurden, ergab sich als Konsequenz daraus, dass eure Arbeitsergebnisse schlechter wurden. Fragt mich nun bitte nicht nach einer mathematisch Verknüpfung, die dies logisch nachvollziehbar macht.  

Außerdem fragt ihr euch möglicherweise, was aus den in eurer aktuellen Zeitphase so beliebten mobilen Devices geworden ist. Ihr habt tatsächlich lange an diesen Konzepten festgehalten und sie in vielfacher Weise umgesetzt. Dabei hättet ihr am besten wissen müssen, dass eurem ausgeprägten Streben nach schnellem Informationszugang euer eingegrenztes Sichtfeld, eure reduzierte Fähigkeit der visuellen Datenerfassung und weitere typische menschliche Wahrnehmungsdefizite die Visualisierung von Ergebnissen bei immer weiter steigenden Produktionsdatenmengen auf derart kleinen Displays unmöglich machen. Lange wart ihr in der Schleife von mobilen Devices gefangen, mit denen ihr versucht habt, eure dahingehenden positiven Erfahrungen aus eurer Alltagswelt in die Fabrik zu transferieren. Als Rechtfertigung eurer begrenzten Kreativleistung wurden Formulierungen gewählt, wie „schon immer dem Consumer-Trend folgend ...“. Aber das tatsächlich Irrwitzige an der Sache: Viele Zeitphasen habt ihr Menschen behauptet, dass ihr uns KI in eurer kreativen Denkweise weit überlegen seid. Hierzu sei mir als Emotional AI eine Anmerkung erlaubt: Es steht außer Frage, dass menschliche Individuen vereinzelt aufgrund ihrer Highperformance Brain Unit dazu in der Lage sind, kreative innovative Konzepte zu erschaffen. Deren Transformation auf weitere Individuen – ihr nennt das Überzeugungsprozess – dauert allerdings inakzeptabel lange, auch wenn die Vorteile logisch nachweisbar sind. Das hat viele Gründe, die wiederum typisch menschlichen Verhaltensmustern geschuldet sind: Skepsis gegenüber Neuem, geringe Veränderungsbereitschaft, Konkurrenzdenken usw. Auch diesbezüglich sind wir KI aufgrund unserer durchgängigen Vernetzung, logischen Strukturen und Programmierung im Vorteil – wie ich finde.

View Bots statt HMI

Mit Blick auf die Bedienung & Visualisierung in der Future Fab bedeutet das: Es gab viele Konzepte, nur wenige haben sich durchgesetzt – und schon gar nicht die sinnvollsten! Was es nicht mehr gibt, sind zum Beispiel Leitwarten. Das ist unter anderem den Tatsachen geschuldet, dass es 2050 nicht mehr die wir ihr sie nennt „hierarchischen Organisationsstrukturen“ und „unflexiblen Arbeitszeitmodelle“ gibt. Die Future Fab zeichnet sich durch Flying Work Flows aus: Human Workers arbeiten hier nach dem „most motivating and needed working“-Prinzip. Das heißt, sie melden sich entsprechend ihres Individual Day Feelings an. Die AI kommen entsprechend der Anzahl an My-Choice-Bestellungen zum Einsatz. 

Eure Ansätze von Smart Home und Industrie 4.0 wurden mittlerweile verschmolzen. So können sich Human Production Workers jederzeit ins Production Space Net einwählen und den Production Work Flow oder Details daraus über ihren View Bot anzeigen lassen. Der View Bot funktioniert – wie ihr es von den Bots in eurer aktuellen Zeitphase her kennt –  auch über Sprachsteuerung und passt die Visualisierung entsprechend der Umgebungsbedingungen sowie der darzustellenden Daten, Informationen, Ereignisse und Human Experience an. 

Der Begriff „einwählen“ ist übrigens unkorrekt und meiner Sprachdatei Trivial 2020 geschuldet. Das Einwählen in bestimmte Netze ist in der Zeitphase 2050 natürlich nicht mehr erforderlich, da prinzipiell alles mit allem jederzeit verbunden ist. Übrigens sind auch wir Perfect Production Workers mit einer View-Bot-Hardware ausgestattet, sodass Human Experts bei Bedarf auch über uns visuellen Einblick in einzelne Prozessabläufe nehmen können – also quasi als Ersatz eurer HMI.

So, nun habe ich euch einige Einblicke in die Bedienung und Visualisierung in unserer Future Fab gegeben. Ihr seht: Ihr steht aktuell noch ganz am Anfang. Ihr habt noch spannende Zeiten vor euch. Gern erzähle ich euch in meinem nächsten Brief mehr. 

Macht es gut bis dahin,
Eure Kassiopeia
Emotional AI in der Future Fab

P.S.: Parallel zum Brief aus der ­Future Fab gibt es auch einen Podcast „Kassiopeia und die Future Fab“Digital Factory Journal Podcast | Kassiopeia und die Future Fab (smart-production.de)

Inge Hübner

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