Am 30. Juli 2025 hat das Bundeskabinett die Hightech Agenda Deutschland beschlossen. Sarah Bäumchen (Geschäftsführerin ZVEI), Hartmut Rauen (stellvertretender Hauptgeschäftsführer VDMA) und Dr. Ralf Wintergerst (Präsident Bitkom) kommentieren den Beschluss. (Quelle: ZVEI, VDMA, Bitkom; Kollage: VDE VERLAG)
Mit der Hightech Agenda Deutschland will die Bundesregierung die Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik neu ausrichten, um mehr Wertschöpfung, Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität zu erreichen. Einen entsprechenden Entwurf hat das Bundeskabinett nun beschlossen.
Ziel ist es, Technologien und Innovationen „Made in Germany“ wieder zum Markenzeichen Deutschlands zu machen und somit zu einem Magneten für Top-Talente, Investoren und innovative Unternehmen zu werden. Dazu müsse Deutschland jetzt in zentralen Feldern handlungsfähig werden, ist man im Bundeskabinett überzeugt und hat sechs Schlüsseltechnologien definiert, auf die zunächst fokussiert wird: KI, Quantentechnologien, Mikroelektronik, Biotechnologie, Fusion und klimaneutrale Energieerzeugung sowie Technologien für die klimaneutrale Mobilität.
"Ziel ist es, durch Investitionen in diese Technologien die Innovations- und Wirtschaftskraft Deutschlands deutlich zu erhöhen. Das soll durch eine schnellere Erforschung, Entwicklung und Verwertung von Technologien und durch die konsequente Ausrichtung auf den Aufbau von Technologiekapazitäten in Deutschland und Europa gelingen", heißt es in einer Meldung der Bundesregierung.
Zudem soll in weitere Vorhaben der folgenden fünf strategischen Forschungsfelder investiert werden: Luft- und Raumfahrt, Gesundheitsforschung, Sicherheits- und Verteidigungsforschung, Meeres-, Klima- und Nachhaltigkeitsforschung sowie Geistes- und Sozialwissenschaften.
"In all diesen Bereichen braucht es eine gemeinsame Kraftanstrengung von Wissenschaft, Wirtschaft, Bund und Ländern, um wieder an die Spitze des internationalen Technologiewettbewerbs aufzurücken", ist die Regierung überzeugt.
Für jede Schlüsseltechnologie legt die Bundesregierung sogenannte Flaggschiff-Initiativen – also wichtige Leitinitiativen – mit konkreten Zeitplänen vor. Noch im Jahr 2025 sollen beispielsweise groß angelegte Förderinitiativen für KI-Modelle der nächsten Generation gestartet werden, erstmalig in Deutschland ein Forschungssatellit zur Quantenkommunikation in Betrieb genommen und mit einem Aktionsplan der Bundesregierung der nächste Schritt auf dem Weg zu einem Fusionskraftwerk in Deutschland gemacht werden.
Der Kabinettbeschluss gibt den Startschuss und Anstoß des Bundes für eine gemeinsame Ausgestaltung der Higtech Agenda über die gesamte Legislaturperiode. Im Herbst 2025 lädt die Bundesregierung die Länder sowie Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft ein, den Fahrplan für die sechs Schlüsseltechnologien der Hightech Agenda gemeinsam auszugestalten.
Die Reaktionen vonseiten der großen Branchenverbände fielen vielfach positiv aus:
ZVEI: Zukunftstechnologien endlich gesamtheitlich im Fokus
„Die neue Hightech-Agenda ist ein klares Bekenntnis zu einer technologiegetriebenen Standortpolitik und setzt damit ein dringend notwendiges Signal, die Technologien von Morgen stärker ins Rampenlicht zu stellen und zu fördern. Sie erkennt damit das hohe Wertschöpfungspotenzial von Wachstumsmärkten wie industrieller KI, Mikroelektronik oder intelligenter Energietechnik an und denkt dabei Innovationen endlich gesamtheitlich: von der Forschung, über die Entwicklung bis hin zur industriellen Skalierung", sagte Sarah Bäumchen, ZVEI-Geschäftsführerin. "Deutsche und europäische Unternehmen haben gerade in diesen Bereichen eine hohe Innovationsstärke – das gilt insbesondere für die Elektro- und Digitalindustrie, aus der jede dritte Neuerung im verarbeitenden Gewerbe hervorgeht. Allerdings bleiben bei vielen Innovationen die Skalierung und Marktdurchdringung weiterhin eine große Herausforderung."
Deshalb sollte die Umsetzung der Hightech-Agenda aus ZVEI-Sicht um die Einführung einer steuerlichen Normungsförderung analog zur Forschungszulage synchronisiert werden. "Sie ist ein wirkungsvoller Hebel, um neue Technologien schneller in die Anwendung zu bringen und international zu skalieren. So können wir weiterhin – auch international – Standards setzen. Denn wer Standards setzt, gewinnt Märkte", so S. Bäumchen weiter.
Außerdem gelte es, den regulatorischen Rahmen weiter zu entschlacken und Ressourcen gezielt einzusetzen. Denn: "Gerade mittelständische Unternehmen ächzen unter widersprüchlichen und überlappenden Vorgaben – etwa beim AI Act oder der Medical Device Regulation. Es braucht daher einen konsequenten ,Digital-Omnibus'-Ansatz für EU-weit einheitliche, innovationsfreundliche Rahmenbedingungen."
VDMA: "Nur mit Produktionstechnologien zum Erfolg!"
Hartmut Rauen, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des VDMA, sagte: "Priorisierung statt Gießkanne, Roadmaps statt Innovationslyrik, Tempo statt Bürokratismus – die Richtung stimmt bei der neuen Hightech-Agenda. Das ist ein großer Fortschritt, zumindest auf dem Papier. Jetzt kommt es darauf an, dass die Schere zwischen Wort und Tat nicht wieder im interministeriellen Kleinklein auseinandergeht. Die Hightech-Agenda muss auch mit ausreichend Geld umgesetzt werden.“ Er stellte heraus, dass Produktionstechnologien Deutschland als Hightech-Land voranbringen. Sie seien der Garant dafür, dass auch in den priorisierten Technologien der Hightech-Agenda zukunftsfeste Arbeitsplätze in Europa entstehen. "Wir müssen vermeiden, dass staatliche Förderleuchttürme entstehen, die an unserem Standort vorbeileuchten. Gebot der Stunde sind Investitionen dort, wo sie in einen technologisch souveränen und international wettbewerbsfähigen Innovationsraum einzahlen“, erklärte er. Außerdem müsse der industrielle Mittelstand mit seiner "Schwarmintelligenz tausender innovativer Unternehmen" im Fokus der Politik stehen. "Die Stärkung von themenoffenen und breitenwirksamen Instrumenten wie Forschungszulage und industrielle Gemeinschaftsforschung sowie der Ergebnistransfer in die Breite der Industrie sind dafür unabdingbar“, so H. Rauen. Er bemängelt, dass jedoch ausgerechnet bei der industriellen Gemeinschaftsforschung die geplante Mittelausstattung im Bundeshaushalt weit hinter dem Notwendigen zurückbleibe, was im parlamentarischen Haushaltsverfahren dringend korrigiert werden müsse. "Mit rund 190.000 Ingenieurinnen und Ingenieuren ist der Maschinenbau die Innovationsmaschine, die gerade bei den Produktionstechnologien den Schlüssel für Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit in der Hand hat. Noch liegt Deutschland beim Europäischen Patentamt auf Platz 1. Die Hightech-Agenda muss so umgesetzt werden, dass sie Impact am Standort entfaltet und wir diesen Spitzenplatz halten können“, lautete die Abschlussbotschaft von H. Rauen.
Bitkom: "Spitzentechnologien made in Germany stärken"
„Die Hightech-Agenda setzt genau die richtigen Schwerpunkte: Digitalisierung, Energieversorgung, Sicherheit. Die neue Hightech-Agenda markiert eine Abkehr vom über Jahrzehnte praktizierten Gießkannenprinzip, womit von der Bundesregierung jedes Jahr zweistellige Milliardenbeträge breit über die Forschungsinstitute und Unternehmen hinweg verteilt wurden", lautet die Überzeugung von Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. So würden künftig die Mittel dort konzentriert, wo Deutschland besonders große Chancen, aber auch einen besonders großen Bedarf hat. "Künstliche Intelligenz, Quantum Computing und Mikroelektronik gehören zu jenen Technologien, die von der Bundesregierung schwerpunktmäßig gefördert werden sollen", gab er an.
Aus Bitkom-Sicht ist zweierlei wichtig: "Die Bundesregierung muss auf Kurs bleiben und darf diesen guten Ansatz im weiteren Prozess nicht zerreden lassen. Und sie muss die Verfahren der Projektförderung agiler gestalten", sagte Dr. R. Wintergerst. Technologien wie KI würden sich so rasend schnell weiterentwickeln, dass die traditionell trägen Ansätze der Projektförderung nicht Schritt halten können. "Es muss in den laufenden Förderprojekten leichter möglich sein, Anpassungen vorzunehmen und so den zwischenzeitlichen Fortschritt der technologischen Entwicklung umfassend zu berücksichtigen." Ziel muss es aus seiner Sicht sein, Deutschland zu einem digital souveränen Land zu machen. "Dazu müssen wir nicht alles selbst machen und jedwede Schlüsseltechnologie in Deutschland im Detail beherrschen. Was wir brauchen, sind weltweit einzigartige Fähigkeiten in ausgewählten Technologiefeldern, sodass wir in der sich verändernden geopolitischen Situation adäquat reagieren können, wenn wir von unseren Wettbewerbern oder auch unseren Partnern unter Druck gesetzt werden. Hierfür macht die Hightech-Agenda für Deutschland einen sehr guten Aufschlag", erklärte der Bitkom-Präsident.
Im Bereich Künstliche Intelligenz enthält die Agenda aus Bitkom-Sicht unter anderem wichtige Impulse für KI-Spitzenforschung und -Infrastruktur. "Was bislang weitgehend fehlt, sind Maßnahmen zur Talentförderung, eine koordinierte KI-Anwendungsstrategie in der Verwaltung und vereinfachte Zugänge für Startups", so Dr. R. Wintergerst weiter. Entscheidend wird aus seiner Sicht sein, ob gezielt in englischsprachige Studiengänge, digitale Förderverfahren und eine stärkere Verzahnung mit dem Mittelstand investiert wird. "In der Mikroelektronik sind vor allem die Unterstützung für die geplanten europäischen Initiativen sowie der Aufbau neuer Chip-Fabriken im Rahmen des EU Chips Act ein wichtiger Ansatz. Bei Quantentechnologien braucht es einen stärkeren Fokus auf konkrete Anwendungen. Der wirtschaftliche Nutzen entsteht durch die Entwicklung von Software und Algorithmen gemeinsam mit Hardware-Herstellern und Anwenderindustrien. Die Einbindung industrieller Nutzer sollte als strategisches Ziel in der Hightech-Agenda verankert werden. Wir müssen Spitzentechnologien made in Germany und damit unsere digitale Souveränität insgesamt stärken und die Hightech-Agenda muss und kann hierfür einen wichtigen Beitrag leisten“, sagte Dr. R. Wintergerst abschließend.