Rahman Jamal diskutierte mit Schülern des Gymnasiums Nidda über KI, Achtsamkeit und Abwägungen bei der Berufswahl

Rahman Jamal diskutierte mit Schülern des Gymnasiums Nidda über KI, Achtsamkeit und Abwägungen bei der Berufswahl (Quelle: Silke Loos)

Ziel des Tages war es, die Schüler zur Diskussion anzuregen, inwiefern die moderne Technik uns beeinflusst. Prof. R. Jamal, Business & Technology Fellow beim High-Tech-Unternehmen National Instruments, war geladen, hierzu einen Impulsvortrag zu halten, um den Diskurs in Gang zu bringen. Einer seiner Schwerpunkte lag dabei auf der Frage, inwiefern z. B. ein Ingenieur reflektieren sollte, wie er mit seiner Arbeit gewinnbringend zur Entwicklung der Gesellschaft beitragen kann und welche Konsequenzen sein Tun für die Menschheit hat. „Und das gilt ja nicht nur für ein Technikstudium, sondern betrifft alle Berufsgruppen.“, räumt der Ingenieur jedoch ein. „Daher war es mir ein Anliegen, den Schülern auch einen Leitfaden an die Hand zu geben, auf welchen Werten ihr Menschsein fußen sollte und dass sich diese sich in ihrem beruflichen wie privaten Handeln widerspiegeln müssen. Denn wir alle haben eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, der Natur oder Umwelt usw. und sitzen letztendlich in einem Boot.“, betont er.

Nach dem Vortrag teilten die Schüler sich in Gruppen auf, um mit den Lehrkräften die von R. Jamal angeschnittenen Themen in Workshops zu vertiefen. Im Anschluss präsentierten Vertreter der unterschiedlichen Gruppen ihre Ergebnisse und eigenen Ansichten in einer Podiumsdiskussion, an der der NI-Experte und Philosoph ebenfalls beteiligt war und Stellung nehmen sollte.

Grund dafür, gerade ihn zum Philosophie-Tag einzuladen, war R. Jamals ungewöhnlicher multikultureller Werdegang. Ursprünglich aus Burma, dem heutigen Myanmar – also einem Entwicklungsland – verschlug es ihn mit zehn Jahren nach Deutschland, wo er aufwuchs und seitdem lebt. Schnell wurde ihm deutlich, welch riesige Lücken zwischen einem Entwicklungsland und einem Industriestaat wie Deutschland klaffen.

„Während wir hier den Wasserhahn aufdrehen und sogar zwischen warmem und kaltem Wasser entscheiden können, war es in Burma überhaupt nicht selbstverständlich, dass etwas aus dem Hahn floss, wenn man ihn bediente.“, erklärt er. Auch die medizinische Versorgung sei nicht so gegeben gewesen wie hierzulande. Dies bewog den gebürtigen Burmesen letztendlich dazu, Elektrotechnik zu studieren. „Ich wollte ein praxisnahes Studium angehen, mit dem ich dazu beitragen konnte, genau diese Probleme zu bewältigen. Deshalb studierte ich nicht Mathematik oder Physik, obwohl mich das mehr interessiert hätte. Schlichtweg deshalb, weil Elektrotechnik praxisnäher ist.“, so der Professor. „Denn davon bin ich überzeugt: Es sind Technologien, es sind technische Neuerungen, die es ermöglichen, die ökonomischen und sozialen Diskrepanzen zwischen den Ländern zu verringern.“ Zwar seien die Ingenieure oft genug auch Teil des Problems, manchmal sogar deren Verursacher.

„Deshalb muss der Ingenieur meiner Ansicht nach hinterfragen, ob seine Arbeit der Menschheit nützt. Ich wünsche mir, dass der Ingenieur von morgen in erster Linie ein Humanist ist, also ein Menschenfreund, der mit der Technik einen Beitrag leistet, die vielen gesellschaftlichen Herausforderungen zu bewältigen.“ Statt coole „techy“ Produkte zu erschaffen, ohne den Sinn dahinter im Auge zu behalten, müsse der Ingenieur mitverantwortlich sein für die Folgen seiner Arbeit. „Damit ist jedoch wesentlich mehr als die berufliche Sorgfaltspflicht gemeint.“, legt der Philosoph dar. „Selbstverständlich muss der Ingenieur auch darauf achten, dass seine Produkte qualitativ hochwertig und zuverlässig sind. Wichtig ist aber auch, dass er sich darüber im Klaren ist, welche Auswirkungen seine Entwicklung auf die Gesellschaft hat.“ Wenn es beispielsweise um das Thema KI ginge, müsse sich der Ingenieur die Frage stellen, wozu seine KI genutzt werden könne. „Was darf KI und wo sind die Grenzen zu setzen? Wollen wir denn wirklich Chatbots, die in der Lage sind, Wahlen zu beeinflussen, wie es in den USA passiert ist? Sollen alle persönlichen Daten eines jeden Einwohners eines Landes in ein digitales Punktekonto einfließen, mit dem der Staat ‚gute‘ von ‚schlechten‘ Bürgern unterscheiden und entsprechend für soziale Vor- oder Nachteile für den Einzelnen sorgen kann?“, gibt R. Jamal zu bedenken. Und er ergänzt: „Daher begrüße ich Initiativen, die zur Persönlichkeitsbildung beitragen, wie etwa den Philosophischen Tag des Gymnasiums Nidda oder auch die Kooperation zwischen der TU München und der Hochschule für Philosophie München. Diese Initiative zielt darauf ab, Ethik und gesellschaftliche Fragen stärker in das Studium der Naturwissenschaft zu integrieren. Konkret bedeutet das, dass den Studierenden an der TU nun sämtliche Lehrveranstaltungen der Hochschule für Philosophie offenstehen, was die Auseinandersetzung mit grundlegenden oder sogar ganz konkreten ethischen Fragen vereinfachen soll, die für den eigenen Beruf relevant sind.“

Auf die Frage hin, warum ihm dieses Thema so wichtig sei, antwortet R. Jamal: „Nun, um verantwortungsvoll zu agieren, muss ich nun einmal in der Lage sein, ethische Fragen meines Fachgebiets zu erörtern. Solche Kooperationen wie die zwischen den beiden Münchener Hochschulen können dem Studierenden dafür das nötige argumentative Rüstzeug an die Hand geben.“ Augenzwinkernd fügt er hinzu: „Es geht eben nicht nur darum, sich auf seinem eigenen Gebiet gut auszukennen und zu einem liebenswerten Nerd zu mutieren, sondern um vernetztes Denken, das ein verantwortungsvolles Handeln erst ermöglicht.“

Verantwortungsvoller Umgang mit KI

Um wieder das Thema KI aufzugreifen, lasse sich glücklicherweise positiv feststellen, dass es durchaus einen verantwortungsvollen Umgang mit KI bei den Unternehmen gebe und er eine immer größere Rolle spiele. „Einer Studie des Marktforschungsunternehmens Forbes Insights zufolge bieten 70 % der Firmen, in denen KI bereits eingesetzt wird, ethische Schulungen für ihre IT-Mitarbeiter und in sogar 63 % der Unternehmen wurden Ethikkommissionen eingeführt, die den Umgang mit der Technologie evaluieren.“, weiß der Professor. „Ebenfalls nachgewiesen ist, dass Unternehmen, die KI erfolgreich implementieren konnten, auch dabei die Nase vorn haben, Verantwortung für KI zu übernehmen.“, so der Paderborner. Denn dass eine Kontrolle der Technologie unabdingbar sei, hätten laut dieser Studie führende Unternehmen bestätigt. Eine KI ohne das Mitwirken von Menschen funktioniere nicht – auch wenn das häufig so angenommen werde.

Dabei sei ihm aber wichtig zu unterstreichen, dass er auf dem Philosophischen Tag des Gymnasiums Nidda nicht etwa als MINT-Botschafter fungiert habe. Denn nicht nur der Ingenieur, sondern wir alle hätten die Aufgabe, die Welt in einem besseren Zustand zu hinterlassen als wir sie vorgefunden haben. „Jeder Mensch sollte den Beruf einschlagen, der ihm am besten taugt und in dem er seine Stärken zum Wohl der Gesellschaft ausspielen kann – ohne dabei die Menschlichkeit zu vergessen.“, ist der Ingenieur überzeugt.

Sein kultureller Hintergrund sei, so betonte er in seinem Vortrag, keineswegs so linear gewesen wie sein beruflicher Werdegang. Diese Nichtlinearität habe wiederum seine Berufswahl erheblich beeinflusst. „Geboren wurde ich wie gesagt in Burma, einen Teil meiner Kindheit verbrachte ich in Bangladesch und anschließend kam ich nach Deutschland.

"Schon sehr früh, genauer gesagt mit sieben Jahren, wurde ich von meinem Großvater und meiner Mutter in die Meditation eingeführt, die für mich bis heute von Bedeutung ist. Doch schon bald erkannte ich einen Widerspruch zwischen den Erfahrungen, die ich in der spirituellen Innenschau machte und der Abbildhaftigkeit der ‚logischen Welt‘ der Naturwissenschaften.“, verdeutlicht der Burmese. „Ich stellte fest, dass die Wissenschaft nur aus Theorie und Ansichten besteht, die modellhaft versuchen, die Realität zu beschreiben, aber nicht so erfassen, wie sie tatsächlich ist.“ Mit diesem unüberwindbaren Widerspruch konfrontiert, begann R. Jamal, sich mit unterschiedlichen Fachdisziplinen auseinanderzusetzen. Über die Astronomie kam er zu den Naturwissenschaften generell, und den Ingenieurswissenschaften im Speziellen, und beschloss dann, Ingenieur zu werden. „Denn davon bin ich überzeugt: Mit dem richtigen Mindset können die Ingenieure dazu beitragen, die größten gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen. Sei es, um allen Menschen den Zugang zu Trinkwasser zu ermöglichen oder den Klimawandel in den Griff zu kriegen.“

Bildung ist ein Privileg

Beim Thema „Klimawandel“ auf „Fridays for future“ angesprochen, vertritt der Philosoph eine klare Meinung, die er auch energisch vorzubringen weiß: „Natürlich finde ich es gut, wenn junge Leute sich engagieren und auf dringliche Probleme aufmerksam machen. Auch, dass sie auf die Straße gehen und ihren Sorgen Sprache verleihen. Dass dies aber in der Schulzeit geschieht, ist für mich ein Unding.“, meint er kopfschüttelnd. „Da ich aus einem Entwicklungsland komme, weiß ich, wie wichtig Bildung ist – und dass es eben nicht selbstverständlich ist, dass man Zugang dazu erhält. In den entwickelten Ländern wird Bildung als etwas Selbstverständliches angenommen. Das ist es aber eben nicht. Bildung ist ein Privileg!“

Außerdem sei es seines Erachtens noch viel wichtiger, nicht nur zu demonstrieren, sondern Taten sprechen zu lassen. „Daher finde ich es besonders schade, dass eine Greta Thunberg 176 Millionen Suchergebnisse auf Google liefert, wohingegen für Boyan Slat lediglich 430.000 Einträge zu finden sind.“ Der junge Erfinder hat bereits mit 18 Jahren das weltweit erste Reinigungssystem entwickelt, mit dem das Meer von Plastik befreit werden kann. Und der „Meeresstaubsauger“ ist laut R. Jamal nur ein Beispiel für innovative Lösungen, die immer wieder von Heranwachsenden vorangebracht werden, die leider nicht genügend Unterstützung bekommen.

Auf die Frage hin, welche Themen die Schüler am Philosophischen Tag am meisten beschäftigten, erwidert der ostwestfälische Weltbürger: „Nun, das betraf die unterschiedlichsten Problemstellungen. Angefangen bei den auch unter Ingenieuren viel diskutierten Fragen wie ‚Wer übernimmt die Verantwortung für Fehltritte einer künstlichen Intelligenz?‘ oder ‚Inwieweit macht der Mensch sich durch die KI selbst überflüssig?‘ gab es Diskussionen darüber, ob man den Maschinen, die ja immerhin auch von Menschenhand gemacht sind, vertrauen sollte.“ Auch sei darüber debattiert worden, inwieweit eine Maschine ein Bewusstsein erlangen könne oder wie sehr wir heute schon von Social Media abhängig seien, weil unser internes Belohnungssystem von den Likes und Followers angetriggert werde.

„Am meisten beeindruckt hat mich aber die Aussage, dass es wichtig sei, das Motiv, das hinter einer Technik wie der künstlichen Intelligenz steckt, zu hinterfragen. Forscht man an der KI, um dem Menschen zu helfen – oder lediglich, um seinem Auftraggeber, vielleicht gar seinen Aktionären Profit zu bringen?“, so der Professor. Und sichtlich erfreut fügt er hinzu: „Das ist eine berechtigte und für meine Begriffe äußerst differenzierte Sichtweise. Dass unsere Jugend bereits so weit ist, sich solche Gedanken zu machen, stimmt mich wiederum zuversichtlich, was unsere Zukunft anbelangt!“

Sein Fazit des Tages: „Ich war sehr beeindruckt vom Konzept und auch den Beiträgen der Schüler und finde, dieser Tag sollte definitiv weiter beibehalten werden. Denn erst ist eine echte Bereicherung für die Schüler.“ An die Adresse des Rektorats geht sein abschließendes Lob: „Ich finde es beachtlich, dass die Schulleitung – allen voran die Direktorin – solch wertvolle Thementage neben dem ohnehin schon vollgepackten Schulalltag stemmt. Hut ab!“

Silke Loos

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