Die Namur Open Architecture (NOA) erleichtert den Datenaustausch

Die Namur Open Architecture (NOA) erleichtert den Datenaustausch und kann so die digitale Transformation beschleunigen. (Quelle: Namur)

Wofür steht eigentlich das „X“ in Gaia-X, Manufacturing-X und Process-X? Ursprünglich stand wohl „eXchange“, also die Idee des Austauschs von Daten, im Vordergrund. Angesichts eines Produktionsrückgangs um 20 % in der deutschen Chemieindustrie seit 2021 wäre noch etwas anderes sinnvoll: das „X“ der Tech-Industrie im Silicon Valley, also die Idee des Moonshot-Thinking der radikalen Innovation und der Skalierung um „10X“.
Das Positive: Die jahrzehntelange intensive Zusammenarbeit einiger wichtiger Nutzer-, Hersteller- und Standardisierungsorganisationen ermöglicht die zunehmend automatisierte Integration von Geräten, Anlagen, Prozessen und Applikationen innerhalb und außerhalb der industriellen Kernprozesse, die eine solide Grundlage für eine echte digitale Revolution in der Prozessindustrie darstellt.

NOA als Enabler

Die Namur Open Architecture (NOA) wurde 2016 vorgestellt und seitdem kontinuierlich weiterentwickelt. Sie ermöglicht IT-Applikationen den sicheren Zugang zu Daten aus Prozessleitsystemen, also dem Herzen der chemischen, petrochemischen und pharmazeutischen Produktion – ohne die Integrität der Steuerungssysteme zu gefährden. NOA trennt die klassische Automatisierungsebene von einer neuen Monitoring+Optimization- Domäne (M+O), die eher der IT- und IoT-Welt zuzuordnen ist.

Ein zentrales Element ist die Nutzung von PA-DIM (Process Automation Device Information Model) als eine Implementierung des NOA Informationsmodells. Es ermöglicht eine semantisch standardisierte Beschreibung der wichtigsten Feldgerätedaten auf Basis von OPC UA – ein Gamechanger für die Interoperabilität und ein Ergebnis der Zusammenarbeit von FDT Group, FieldComm Group, ISA 100 WCI, Namur, ODVA, OPC Foundation, Profibus & Profinet International, VDMA und ZVEI.

NOA für Greenfield und Brownfield

NOA ermöglicht zweierlei: Bei Neuinstallationen (Greenfield), die verstärkt auf moderne Technologien, wie Ethernet-APLbasierte Feldgeräte und den modularen Ansatz (Module Type Package, MTP), setzen, kann der wesentlich schnellere und reichhaltigere Datenaustausch bis in die M+O-Domäne reichen. In Bestandsanlagen (Brownfield) lassen sich Prozessdaten einfach und sicher aus der Kernprozessautomatisierung ausschleusen
und so für Überwachungs- und Optimierungsanwendungen außerhalb der Prozessleitsysteme nutzen. In einem Pilotprojekt im Industriepark Höchst wird gerade eine Bestandsanlage „NOA-fähig“ gemacht, indem die 4...20mAbasierten Feldgeräte über Hart, Profibus und ein NOA-Gateway mit geringem Aufwand Daten über den NOA-Kanal nach außen führen. Dies ist Teil des aktuell laufenden NOA Implementierungsprojekts, einer Zusammenarbeit von Namur und ZVEI. Auf der Namur-Hauptsitzung im November 2025 werden die Ergebnisse vorgestellt.

Process-X: Automatisierte digitale Zusammenarbeit zwischen Unternehmen

Wenn die digitale Transformation innerhalb eines produzierenden Unternehmens durch NOA nun schneller vorankommt, was könnte man erreichen, wenn Unternehmen entlang der gesamten Lieferkette automatisiert digital zusammenarbeiten könnten?

Ein wegweisendes Beispiel hat der ZVEI dieses Jahr auf der Hannover Messe ausgestellt: den „Predictive Steam Production“- Use-Case der Process-X-Initiative der Namur. Durch intelligente Vernetzung der Energieunternehmen, des Industrieparkbetreibers und der verschiedenen Nutzer von Prozesswärme am Standort können die verfügbare Energie einerseits und die benötigte Prozesswärme andererseits schon im Vorfeld in Einklang gebracht werden. Das spart sowohl CO2-Emissionen als auch Kosten.

Die Grundlage für diese unternehmensübergreifende digitale Zusammenarbeit sind Datenräume, die einen vertrauenswürdigen Rahmen bereitstellen. Hier können Unternehmen Daten souverän, sicher und standardisiert miteinander austauschen und behalten dabei die volle Kontrolle über ihre Daten. Diese werden also nicht in einer Cloud zentral gespeichert, sondern direkt zwischen den Unternehmen ausgetauscht. Der Vorteil: Die beteiligten Unternehmen müssen die dafür benötigte Infrastruktur nicht entwickeln. Erste Datenraumanbieter haben sich etabliert, z. B. Cofinity-X für die Catena-X-Initiative der Automobilindustrie. Aber auch ohne etablierten Datenraumanbieter können und sollten Unternehmen der Prozessindustrie intern die Voraussetzungen für den automatisierten unternehmensübergreifenden Datenaustausch schaffen. Neben NOA kann dies eine Verwaltungsschaleninfrastruktur mit semantischer Verankerung der Parameter leisten.

1 / 2