Die zweite Säule ist für Siemens die Connected Automation. „Ohne eine solide Automation können Sie auch keine KI anwenden“, betonte Brehm. Deshalb entwickle Siemens das Thema Connected Automation konsequent weiter. „Automation wird immer mehr softwaredefined“, sagte er. Darauf aufbauend wachse auch das Industrial AI-Portfolio weiter.
Diese Strategie zeigt sich in mehreren Neuheiten, die Siemens in Hannover vorstellen will. Dazu gehören Weiterentwicklungen des Direct-Current-Portfolios, zum Beispiel neue Schaltgeräte und Leistungs-Halbleiterschalter. „Das für die Industrie und vor allem extrem wichtig für den Bereich Data Center“, so Brehm. Ebenso baut Siemens seine 5G-Infrastruktur aus. Neu sei unter anderem, dass auf dem 5G-Router künftig eine Edge-Runtime laufen könne. „Damit hat der Kunde die Möglichkeit, den 5G-Router über Apps zu erweitern, die dann direkt auf dem Router laufen – also ohne ein zusätzliches Edge-Gerät“, erklärte er. So lasse sich etwa „KI-fähige Echtzeit-Datenverarbeitung direkt im Router“ realisieren. Das sei allgemeine Siemens-Strategie: Indutrial-Edge immer mehr als Plattform, um IT-Workloads näher an die Produktion zu bringen und in eigenen Produkten ablaufen zu lassen.
Auch bei Industrie-PC legt Siemens nach. Bereits im Vorjahr hatte das Unternehmen einen neuen IPC mit starker KI-Unterstützung vorgestellt; nun folgt eine weitere, etwas kompaktere Variante, der IPC BX-54A. „Das ist ein Einstiegsmodell, das trotzdem sehr leistungsfähig ist“, sagte Brehm. Ausgestattet mit Nvidia-GPU soll sich das System insbesondere für bildverarbeitende Anwendungen, visuelle Qualitätsprüfung und KI-gestützte Analytik eignen. Zielgruppe seien dabei ausdrücklich auch kleinere Unternehmen und der Mittelstand.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der softwaredefinierten Automatisierung und Visualisierung. Siemens treibt nicht nur die virtuelle Steuerung voran, sondern entwickelt auch sein Scada- und HMI-Portfolio weiter. Bei WinCC Unified Elements bringt das Unternehmen die Runtime nun in einen Docker-Container. „Das heißt softwaredefined – und ich kann es dann in der Cloud genauso wie auf Industrial Edge zum Ablauf bringen“, sagte Brehm. Besonders spannend sei, dass sich das Engineering künftig stark mit generativer KI beschleunigen lasse. „Man wird nicht nur SPS-Code mit generativer KI entwickeln können, sondern auch Visualisierungssysteme wie ein Scada-System.“
Darüber hinaus will Siemens sein Industrial-AI-Portfolio deutlich ausbauen. Der bereits vorgestellte TIA Copilot soll weiterentwickelt und in die Breite gebracht werden. „Wir bewegen uns von einem klassischen Copiloten eher in einen agentischen Workflow“, kündigte Brehm an. Auch für die Betriebsphase verspricht Siemens weitere Schritte. Als Beispiel nannte er den Drivetrain Analyzer, der Antriebsdaten auswertet und Verschleiß oder mechanische Probleme frühzeitig erkennen kann. „Bislang gab es eine Cloud-Version. Wir sehen aber, dass Kunden auch sagen: Diese Daten will ich nicht in die Cloud schicken“, sagte Brehm. Deshalb werde das System künftig auch on premise verfügbar sein. „Damit verlassen keine Daten die Fabrik.“
Überhaupt spielt Datensouveränität für viele Kunden eine zentrale Rolle. Um dem Rechnung zu tragen, bringt Siemens ein Industrial Automation Data Center auf den Markt – ein maßgeschneidertes Rechenzentrum für produktionsnahe IT-Anforderungen. „Das ist eine schlüsselfertige Plattform“, erläuterte Brehm. Sie kombiniere Rechenleistung inklusive GPU und NPU mit Cybersecurity-Technologie. Für Anwender bedeute das: „Der Kunde hat die Möglichkeit, KI-Beschleunigung inklusive Enterprise Cyber Security vollständig in seine OT-Umgebung mit reinzubringen – und spart damit extremen Installationsaufwand, weil das eine Out-of-the-box-Lösung ist, um KI produktionsnah anzuwenden.“
Von regelbasierter zu zielbasierter Automatisierung
All diese Bausteine zahlen aus Sicht von Siemens auf eine größere Entwicklung ein: den Übergang von klassischer regelbasierter zu zielbasierter Automatisierung. „Wir wollen ganz stark in eine zielbasierte Automatisierungstechnik übergehen“, sagte Brehm. Künftig solle die Automatisierung nicht mehr in jedem Detail vorgeschrieben bekommen, wie sie auf alle Spezialfälle zu reagieren habe. Stattdessen müsse sie selbst Wege finden, um definierte Ziele zu erreichen – auch dann, wenn Fehler oder Anomalien auftreten. „Wir wollen von einer regelbasierten in eine zielbasierte Automatisierung gehen“, unterstreicht er.
Darin sieht Brehm enormes Potenzial. „Das ermöglicht uns dann wesentlich mehr zu automatisieren, als man heute automatisieren kann.“ Er verweist auf einen Garter-Report, laut dem nach dem Technologie-Supercycle nun als nächster Supercycle die Phase folge, in der KI die maßgebliche Rolle spiele. „Wir bewegen uns Schritt für Schritt in Richtung einer intelligenten, autonomen Produktion."
Im Unterschied zu anderen Technologiefeldern wie dem autonomen Fahren verlaufe diese Entwicklung in der Industrie schrittweise und mit direktem Kundennutzen. „Jeder dieser Schritte generiert Kundennutzen und ist damit auch ein Add-on für uns als Automatisierer“, sagte er. Ob durch bessere Qualitätsinspektion, datenbasierte Instandhaltung oder Copiloten im Engineering: Jeder Schritt bringe einen Mehrwert. Die Technologieentwicklung schreitet dabei linear mit der Kundenwertgenerierung voran. „Ob und wann wir in einer autonomen und flexiblen Fabrik ankommen werden, wird sich zeigen. Ich bin aber überzeugt, Siemens ist in diesem Bereich Front-Runner. Und wir wollen auch in Bezug auf das technologisch Machbare an der Spitze im industriellen Umfeld agieren.“