Sabo Mobile IT zeigt auf der Hannover Messe, wie ein KI-Agentensystem für die Flaschenabfüllung aussehen kann. (Quelle: Sabo Mobile IT/Robert Poorten/stock.adobe.com)
Flaschen, so weit das Auge reicht: Sie werden im Handumdrehen über die Förderbänder in der Fabrik transportiert, an verschiedenen Stationen befüllt, verschlossen, getestet und später mit Etiketten versehen. Szenen wie diese spielen sich so oder so ähnlich täglich in vielen Fabriken ab. Das Beispiel Flaschenbefüllung zeigt anschaulich, worin die Herausforderungen einer modernen Produktion liegen. Denn trotz des durchorchestrierten Ablaufs sind Ausfälle jederzeit möglich. Ein typisches Bottleneck stellt der Verschlussprozess dar. Taucht dort ein Fehler auf, droht eine Blockade und es muss meist ein Mitarbeiter benachrichtigt werden, um das Problem zu untersuchen und zu lösen. Ein zeitaufwendiger und dadurch auch kostspieliger Prozess, der die Abläufe in der Fabrik durchaus durcheinanderwirbeln kann. Auf der Suche nach Verbesserungen in der Produktion können KI-Agenten die Effizienz auf ein neues Level heben.
Selbstständige Problemlösung
KI-Agenten erfassen Umgebungsdaten, wählen die vielversprechendste Handlung selbstständig aus, führen sie durch und evaluieren das Ergebnis. Damit rückt die Vision einer weitgehend autonomen Anlagensteuerung, in der menschliches Eingreifen kaum noch notwendig ist, in greifbare Nähe. Hinter KI-Agenten (engl. Agentic AI) stecken autonome Softwaresysteme, die Sprachmodelle mit Wissen aus der Produktion kombinieren, um entsprechende Werkzeuge zu benutzen und Prozesse zu planen. „Der Wert eines Agentensystems steckt darin, dass es Schritte automatisch durchführen kann und Menschen nur noch dann einschalten muss, wenn die Entscheidung nicht klar ist“, sagt Jaroslav Urban, Teamleiter maschinelles Lernen & künstliche Intelligenz bei Sabo Mobile IT. Das Unternehmen mit Sitz im baden-württembergischen Bühl hat ein Agentensystem für die Prozesse in der Flaschenabfüllung entwickelt und zeigt die Potenziale aus dem Projekt auf der Hannover Messe.
Der nächste große Schritt
Mit Blick auf die industrielle Produktion, in der KI-Agenten als der nächste große Schritt gehandelt werden, sagt J. Urban: „Die Potenziale sind riesig.“ Gemeinsam mit seinem Team von Sabo Mobile IT analysiert er die Grundlagen für KI-Agenten. Ein Transformationsprojekt wie die Einführung eines agentenbasierten Systems setzt man in der Industrie nicht alle Tage um. So sind die auf Agenten basierenden Anwendungen noch rar gesät. Das liegt auch an der Größe des Felds an sich: „Agentic AI ist nicht nur ein Thema, es ist die Kombination von verschiedenen Technologien und Themenfeldern“, verdeutlicht J. Urban. Er gibt Tipps für den wertschöpfenden Einsatz der Technologien.
Potenzial 1: Die Identifizierung geeigneter Anwendungsfälle
Industrielle Prozesse sind über Jahre hinweg auf Effektivität getrimmt, dazu zählen Zeit, Kosten, Robustheit und Fehlertoleranz. Dem daraus resultierenden ersten Reflex, im Optimierungsprozess weiterhin auf die bestehenden Automatisierungslösungen zu setzen, widerspricht J. Urban: „Das Gute ist der Feind des Besseren“, sagt er. Man finde genügend Beispiele, wie es mit Agentic AI besser ginge.
Zuvorderst geht es um Situationen, in denen der Mensch aufwendig prüfen und lösen muss, wo Prozesse und Programme in Ausnahmesituationen scheitern. Die menschliche Urteilskraft benötigt dazu mühsam aufgebautes Wissen. Überall dort, wo das Zusammenspiel der Prozesskomponenten aufwendig programmiert werden muss, wo es Engpässe, Qualitätsmängel und Fehlerrisiken gibt, ufert der Aufwand für Systemoptimierung, Programmierung und Tests aus. Das kostet vor allem Zeit, in der der Wettbewerb im schlimmsten Fall überholen kann.
Es sind Potenziale wie diese, die es in der Produktion aufzudecken gilt. „Es müssen Lösungsstrategien formuliert werden, die aufgrund ihrer Komplexität oder Seltenheit noch nicht mit vertretbarem Aufwand mit diskreten Algorithmen programmiert werden können“, weiß der Experte. In der Praxis identifizieren J. Urban und sein Team zunächst die drei wichtigsten Anwendungsfälle in einer Fabrik und evaluieren, inwiefern ein Agentensystem seine Potenziale ausspielen kann. Der Experte empfiehlt, erfahrene Berater in Sachen Agentic AI mit an Bord zu holen, damit etwaige Fallstricke umgangen werden können.