Fünf Fragen an Bernhard Günthner

Bernhard Günthner

Bernhard Günthner ist Executive Vice President IoT-Software der S&T Gruppe (Quelle: S&T Gruppe)

Herr Günthner, warum tun sich noch viele Unternehmen schwer damit, ihre Produktion digital zu vernetzen und von den Daten zu profitieren?

B. Günthner: Die Aufgabe der Digitalisierung ist es, bestehende Arbeitsabläufe zu optimieren und effiziente – bisher technisch nicht realisierbare – Prozesse zu etablieren. Dies alles hat zum Ziel, dass ein Unternehmen leistungsfähiger wird, und für zukünftige Anforderungen gerüstet ist. Digitalisierung ist letztlich ein Prozess, der aus vielen kleinen Projekten besteht und viele Beteiligte mitnehmen muss. Digitalisierungsprojekte rund um Industrie 4.0, IIoT und AI leben von der Vernetzung. Dabei stellt diese gerade bei Retrofitting-Projekten von Maschinen und Anlagen eine große Ersthürde dar. Für deren Überwindung ist es erforderlich, dass sich das gesamte Unternehmen weiterentwickelt. Dafür sollten Mitarbeiter aus allen involvierten Abteilungen eingebunden werden.

Was ändert sich noch durch die digitale Transformation und das IIoT?

B. Günthner: Die digitale Transformation greift durch alle Strukturen hindurch. Das reicht von einzelnen Arbeitsabläufen bis zum Geschäftsmodell, das sich anpasst oder sogar dramatisch ändert. Für den Transformationserfolg ist es deshalb wichtig, die Dimension dieser Technologiethemen von Anfang an zu verstehen, sie nicht chronisch zu unterschätzen oder aus Angst einen Bogen darum zu machen. Vieles geht Hand in Hand. So ergeben sich bei einer innovativeren Herangehensweise zum Beispiel andere Projekt- und Arbeitsmethoden wie Scrum oder DevOps, bei denen Hierarchien fallen und die Verantwortung in die ausführenden cross-funktionalen Teams wandert. Dabei verändern sich viele Positionen gerade in der Führungsebene sehr stark.

Welche typischen Herausforderungen gehen mit der Einführung dieser Technologien einher?

B. Günthner: In der Industrie startet diese Veränderung zumeist in Forschung und Entwicklung. Dort herrscht jedoch eine sehr technische Sicht vor: Man denkt in Devices, und welche Daten sich damit erheben lassen. Eigentlich geht es allerdings um Business-Ziele und eine Vision für die Zukunft, und diese müssen aus der Geschäftsleitung kommen. Wo will man in fünf Jahren stehen? Externe Dienstleister können hier zwar unterstützen und Möglichkeiten aufzeigen, dennoch ist diese Ausrichtung etwas, das aus dem Unternehmen selbst kommen sollte. Diese Botschaft und das Verständnis dafür, welche starken Veränderungen durch IIoT und AI möglich werden, sind noch längst nicht in allen Chefetagen angekommen. Das Haften am Status quo, gerade wenn man aktuell recht erfolgreich ist, und die üblichen Beharrungskräfte prägen noch immer viele Unternehmen.

Warum sind im IIoT-Umfeld eine übergreifende Strategie und Beratung so wichtig?

B. Günthner: Die Software rund um IIoT greift tief in die Unternehmensprozesse ein. Ohne klares Ziel gleicht die Umsetzung einzelner Projekte praktisch einem Blindflug. Gerade dort, wo es um neue digitale Services und Geschäftsmodelle geht, ist bei der Visionsfindung auch Beratung notwendig, die Auskunft zu den wirtschaftlichen Aspekten gibt. Stehen zum Beispiel die Kosten für eine Idee auch in Relation zu den Möglichkeiten der Monetarisierung? Jenseits von diesen strategischen Erwägungen haben es Unternehmen zugleich mit einem massiven Fachkräftemangel in Bezug auf Data Analysts zu tun. Auch rund um Data Sciences müssen Hardware- und Integrationsdienstleister deshalb jetzt zusätzliche Unterstützung liefern.

Im Gespräch mit Vernetzungsexperten wird immer wieder deutlich: Beim Thema Retrofit ist vieles sehr kleinteilig. Wie kann es dennoch gelingen?

B. Günthner: Wir haben ein dediziertes Team mit einer jahrelangen Erfahrung im Retrofitting und gehen damit direkt an die Produktionslinie, um die Lösungen dort in Betrieb zu nehmen. Wichtig ist auch, dass Hard- und Software optimal aufeinander abgestimmt sind. Hier haben wir durch die enge Zusammenarbeit von Soft- und Hardware-Entwicklung innerhalb der Kontron-Gruppe einen Vorteil. Die große Herausforderung besteht vor allem darin, den Überblick zu bewahren, sich nicht zu verzetteln und die richtigen Maßnahmen zum richtigen Zeitpunkt zu wählen: In breiter angelegten IIoT-Konzepten gibt es meist viele Baustellen. Gerade weil dann oft viele unterschiedliche Leute im Projekt beteiligt sind, ist ein sauberes Management besonders wichtig.

Bernhard Günthner
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