8. Irrtum: Physical AI wird kaum gesehen
Der nächste Entwicklungsschritt besteht nicht allein aus Software, sondern aus intelligenten Robotern, autonomen Maschinen und KI-gesteuerten Produktionssystemen. „Robotaxis sind nichts anderes als KI-Maschinen“, erklärt Eckhart Hilgenstock mit Blick auf eine kombinierte Produkt- und Servicekategorie, die sich nach seiner Einschätzung auf dem Weg zum Massenmarkt befindet.
„Industrielle KI wird eine Industrienation wie Deutschland zum Beben bringen“, prognostiziert der Topmanager. Humanoide Roboter, autonome Fabriken, intelligente Logistiksysteme und selbstorganisierende Produktionsanlagen hätten das Potenzial, der volkswirtschaftlichen Produktivität einen gewaltigen Schub zu geben, fasst er die Analysen zahlreicher Studien zusammen. Er fügt hinzu: „Es liegt nun an der Gestaltung der politischen Rahmenbedingungen und an den Unternehmen selbst, ob dieses Potenzial durch unternehmerischen Mut freigelegt oder durch regulatorische Eingrenzungen erstickt wird“.
Der zunehmende Fachkräftemangel könnte zumindest teilweise durch KI und Robotik abgemildert werden. „Aber man muss sich auch klarmachen, dass diese Entwicklung unmittelbare Auswirkungen auf den Sozialstaat vom Gesundheitswesen bis zum Rentensystem haben wird“, betont Eckhart Hilgenstock die Reichweite der KI-Entwicklung.
Der Topmanager begrüßt ausdrücklich, dass sich inzwischen auch die Bundesregierung stärker mit den strategischen Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz beschäftigt. Als aktuelles Beispiel nennt er das neue Nationale KI-Sicherheitsinstitut, das die Regierung bei den Chancen und Risiken leistungsfähiger KI-Modelle beraten und deren Auswirkungen auf Wirtschaft, Gesellschaft und Sicherheit bewerten soll.
9. Irrtum: KI wird nur als Werkzeug verstanden
Viele Unternehmen betrachten KI ausschließlich als Assistenzsystem. Tatsächlich wird KI zunehmend selbst Entscheidungen vorbereiten und viele Routineprozesse selbstständig erledigen. Bereits heute analysieren KI-Systeme Finanzdaten, entwickeln Strategien, optimieren Lieferketten oder treffen Investitionsentscheidungen schneller und objektiver als Menschen.
„Langfristig stellt sich nicht mehr die Frage, ob KI-Entscheidungen unterstützt, sondern welche Entscheidungen überhaupt noch von Menschen getroffen werden“, blickt Eckhart Hilgenstock in die Zukunft. „Gerade deshalb wird menschliche Führung nicht weniger, sondern wichtiger: Sie muss Verantwortung übernehmen, Grenzen setzen und sicherstellen, dass Entscheidungen nachvollziehbar und werteorientiert bleiben. Das gilt zwar nur für wesentliche Entscheidungen, nicht für die tägliche Arbeitsroutine, in der Mensch tatsächlich an vielen Stellen entbehrlich wird. Aber die Verantwortung für jedwede Entscheidung bleibt beim Menschen – auch wenn die KI sie in der täglichen Arbeitsroutine gefällt hat. Führungskräfte müssen lernen, sowohl Menschen als auch KI-Agenten zu führen – und Zukunft auch humanoide Roboter.“
10. Irrtum: Der Mensch bleibt dauerhaft in jeder Prozesskette
Das häufig propagierte Modell des „Human in the Loop“ wird sich nach Ansicht Hilgenstocks nur dort halten, wo rechtliche oder ethische Gründe dies verlangen. In vielen operativen Abläufen werde sich die vollständig autonome KI durchsetzen, weil jeder menschliche Eingriff Zeit kostet und die Wettbewerbsfähigkeit mindert.
„Während Menschen Minuten oder gar Stunden für Entscheidungen benötigen, können autonome KI-Agenten komplette Prozessketten in Sekunden koordinieren“, gibt er ein Beispiel. „Dennoch wird die Verantwortung beim Menschen bleiben.“
11. Irrtum: Heutige Fehler bestimmen die Zukunft
Halluzinationen, Fehler oder ungenaue Antworten würden häufig als Beweis dafür gesehen, dass KI niemals zuverlässig arbeiten könne. Eckhart Hilgenstock hält diese Schlussfolgerung für einen historischen Irrtum. „Hätte man das Internet nach seiner Übertragungsgeschwindigkeit im Jahr 1995 bewertet, wäre es wohl niemals zu dem Rückgrat der globalen Kommunikation geworden, das es heute darstellt“, gibt er ein Beispiel.
„Wer sich mit den heutigen Schwächen der KI aufhält, verkennt die Chancen für die Zukunft“, meint er. „Technologien sollte man niemals nach ihren Kinderkrankheiten beurteilen, sondern nach ihrem Entwicklungspotenzial.“
12. Irrtum: Allgemeine KI dauert noch lange
Die techno-philosophische Diskussion konzentriert sich häufig auf die sogenannte Allgemeine Künstliche Intelligenz (Artificial General Intelligence, AGI), die je nach Standpunkt alle Probleme der Menschheit lösen oder diese komplett vernichten wird. Eckhart Hilgenstock hält dies für eine „Phantomdiskussion“. Er verweist darauf, dass der britische Mathematiker Alan Turing bereits 1936 anhand des sogenannten „Halteproblems“ nachgewiesen hat, dass es unmöglich ist, einen universellen Algorithmus zu schreiben, der alles im Voraus weiß, wie man es von einer AGI erwarten würde.
„Nun mag die perfekte KI grundsätzlich unerreichbar sein“, erklärt Eckhart Hilgenstock, „aber es genügt bereits das Zusammenspiel einzelner spezialisierter KI-Systeme, um Unternehmen, Behörden oder sogar ganze Volkswirtschaften effizient zu steuern.“
„Wer heute noch glaubt, KI sei lediglich ein Werkzeug zur Produktivitätssteigerung, unterschätzt ihre eigentliche Bedeutung. Wir stehen vor einem tiefgreifenden Wandel wirtschaftlicher Wertschöpfung, geopolitischer Machtverhältnisse und unternehmerischer Führung. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob KI unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft verändert, sondern ob wir schnell genug lernen, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten“, fasst Eckhart Hilgenstock zusammen.