4. Irrtum: Die Auswirkungen auf Geschäftsmodelle werden unterschätzt

Bei Mandaten als Interim Manager hat Eckhart Hilgenstock immer wieder festgestellt: Viele Unter­nehmen erwarteten Produktivitätsgewinne durch KI, gehen aber davon aus, dass ihre Geschäfts­modelle grundsätzlich bestehen bleiben. „Doch hierin liegt einer der größten Irrtümer, denn KI verändert Wertschöpfungsketten grundlegend“, postuliert der Wirtschaftsexperte.

Beschaffung, Produktion, Kundenansprache, Dienstleistungen und ganze Absatzmärkte werden neu organisiert. Gleichzeitig entstehen völlig neue Geschäftsmodelle, während bestehende unter erheblichen Wettbewerbsdruck geraten. Hilgenstock verweist auf Studien internationaler Beratungs­häuser, wonach KI jährlich zusätzliche Wertschöpfung in Billionenhöhe erzeugen wird. „Gleichzeitig entstehen völlig neue Wettbewerber, deren Geschäftsmodelle fundamental anders sind und deren Kostenstrukturen drastisch niedriger sein können im Vergleich mit klassischen Unternehmen“, erklärt der KI-Experte.

5. Irrtum: Regulierung bestimmt die Entwicklung

Technologische Entwicklungen orientieren sich nicht an nationalen Gesetzen oder regulatorischen Wunschvorstellungen. Eckhart Hilgenstock: „Europa probiert sich mit dem AI Act an der Regulierung einer Technologie, deren künftige Entwicklung sich selbst die KI-Spitzenforscher kaum vorherzusagen wagen. Der globale Innovationswettlauf wird sich dadurch aber nicht bremsen lassen.“

Die zukunftsentscheidenden Fortschritte werden nach Einschätzung des Topmanagers derzeit in den KI-Labors in China und den USA erzielt. „Anthropic, OpenAI, Google/DeepMind, SpaceXAI, Nvidia, DeepSeek, Alibaba und Baidu sind die globalen Taktgeber“, analysiert Hilgenstock. „Wollen wir hoffen, dass auch Mistral seinen Weg findet, damit wir wenigstens einen europäischen Player auf dem KI-Spielfeld haben.“

6. Irrtum: Der Ressourcenbedarf wird unterschätzt

Leistungsfähige KI benötigt enorme Rechenkapazitäten, spezialisierte Chips und große Energie­mengen. Die exponentielle Entwicklung gleich in mehrere Dimensionen schlägt sich in einem dementsprechend wachsenden Ressourcenbedarf nieder.

Momentan entstehen die größten KI-Rechenzentren und Cloud-Infrastrukturen überwiegend in den USA und China sowie zunehmend auch im Nahen Osten, wo Unternehmen und Staaten Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe tätigen. Die Europäische Union versucht mit Initiativen zum Ausbau von KI-Gigafactories, Supercomputern, Halbleiterfertigung und einer gemeinsamen KI-Infrastruktur mitzuhalten.

Nach Ansicht von Eckhart Hilgenstock wird Europas Wettbewerbsfähigkeit künftig jedoch entscheidend davon abhängen, ob es gelingt, genügend Rechenleistung, Energie, Kapital und eigene KI-Modelle aufzubauen. „Ohne eine leistungsfähige Infrastruktur droht Europa dauerhaft von den technologischen Entscheidungen anderer Weltregionen abhängig zu bleiben“, sagt er.

7. Irrtum: Die geopolitische Dimension wird verkannt

KI entwickelt sich zunehmend zu einem geopolitischen Machtfaktor. „Exportkontrollen für Hoch­leistungs­­chips sowie Nutzungsbeschränkungen moderner KI-Modelle zeigen bereits heute, wie Staaten und Unternehmen um technologischen Einfluss konkurrieren“, blickt Eckhart Hilgenstock auf die aktuelle Lage.

Diese Entwicklung steht nach Einschätzung des Wirtschaftsexperten erst am Anfang. „Die KI-Politik wird künftig auch immer mehr KI-gestützte Waren- und Dienstleistungskategorien berühren und damit im Laufe der Zeit praktisch alle Wirtschaftssegmente umfassen“, sagt Eckhart Hilgenstock. Den größten Schub in dieser Richtung erwartet er mit der zunehmenden Verbreitung von „Physical AI“.

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