Man liest immer wieder von Stillständen durch fehlende Sicherheit in der IT. Sollte Cybersecurity daher nicht doch über allem stehen?

Mit octoplant erkennen User sämtliche Änderungen auf Anhieb. Die Software ermöglicht die Einrichtung von Sicherungsintervallen und Änderungsbenachrichtigungen. Die Änderungsdetails zwischen zwei Versionen lassen sich auch grafisch gegenüberstellen. (Quelle: Auvesy-MDT)
Dr. Kalb: Damit sprechen Sie die Paradoxität der Situation an: In der OT liegt der Fokus auf dem Maximieren der Uptime, Security soll sozusagen von der IT geliefert werden. Das funktioniert aber nur, wenn man trotz der unterschiedlichen Herangehensweisen eine gemeinsame Lösung findet. Allerdings: Ein Großteil der Stillstände geht gar nicht auf Cyberangriffe zurück, sondern auf ganz alltägliche Probleme – eine „abgerauchte“ PLC, das Einspielen falscher Back-up-Daten nach einer Störung oder Ähnliches. Gerade dagegen müssen zuverlässige Lösungen implementiert werden. Damit will ich aber nicht sagen, dass Cybersecurity aus OT-Sicht vernachlässigt werden kann. Sie ist nur nicht der entscheidende Faktor für eine nachhaltigere Geschäftspraktik.
IT und OT zu verknüpfen, klingt in der Theorie eigentlich einfach. Woran scheitert es in der Realität?
Dr. Kalb: Den häufigsten Effekt kennen wir alle: Menschen müssen mit Menschen arbeiten, und da gibt es Reibungspunkte, Missverständnisse oder auch einfach Unverträglichkeiten. Es heißt ja so schön: Culture eats strategy for breakfast. Womit wir wieder bei der wichtigen Rolle der Unternehmenskultur und der Berücksichtigung der Ressourcen im Prozess wären.
Was passiert dann in der Praxis? Wie büßt ein Unternehmen durch mangelnde Integration konkret an Nachhaltigkeit ein?
Dr. Kalb: Die geringe Verknüpfung von IT- und OT-Systemen bedeutet auch, dass das Verständnis davon, welche Auswirkung eine Änderung auf dem Shopfloor für die Gesamt-KPI hat, teilweise gering ist. Ohne dieses Verständnis ist digitale Transformation in der Produktion Wunschdenken – Downtime, Cyberrisiken und Ineffizienzen sind die Folge.
Können Sie uns auch dafür bitte ein konkretes Beispiel nennen?
Dr. Kalb: Ich denke da etwa an die große Rückrufaktion eines Herstellers für Haushaltsprodukte in den USA, die Anfang letzten Jahres durch die Medien gegangen ist. Über Wochen wurde dort ein Reinigungsmittel ohne Zugabe eines wichtigen Zusatzstoffs produziert. Dadurch ergaben sich mögliche Gesundheitsprobleme bei Anwendern. Fast fünf Millionen fehlerhafte Flaschen wurden ausgeliefert und zurückgerufen. Die entstandenen Kosten und Umsatzeinbußen sind vorstellbar.
Ich kenne diesen Fall sehr gut, weil ich ihn quasi täglich als Case Study für den Einsatz unserer modularen Softwarelösung „octoplant“ nutze. Unsere Lösung hätte einen solchen Fehler in kürzester Zeit aufgedeckt und es wäre nie zu einem solchen Problem gekommen. Wer nach einer Produktionsstörung mit dem richtigen Back-up und den richtigen Parametern weiterarbeitet, spart Zeit und Ressourcen – die einfachste Form der Nachhaltigkeit.
Wenn ein solches OT-Datenmanagement so eindeutige Vorteile in puncto Effizienz, Ressourcenschonung und Kosten bietet, warum wird es noch nicht überall eingesetzt?
Dr. Kalb: Das ist wohl die 1-Mio.-€-Frage. Ein Erklärungsansatz: Häufig wurde in Unternehmen in den letzten Jahren stark auf die Zukunft geschaut. Lighthouse Projects waren bei geringen Kapitalkosten sehr attraktiv und verdrängten ein wenig den Blick auf den aktuellen Bedarf an Problemlösungen im operativen Bereich. Allerdings sehen wir eine Trendwende. Steigende Zinsen und höhere Energiepreise stellen Unternehmen vor viele neue Probleme, sie führen aber auch dazu, dass sie die Leuchtturmprojekte zurückstellen und sich wieder stärker auf die Bewältigung der Herausforderungen von heute konzentrieren. Und da ist Datenmanagement im OT-Umfeld einer der größten Hebel – ich würde sogar so weit gehen, es als Enabler für viele andere Themen zu bezeichnen. Der ROI ist enorm – umso mehr Potenzial für weitere Investitionen in eine nachhaltigere Unternehmenspraxis.