Interview mit Daniel Herzinger

Abbildung von Daniel Herzinger

Daniel Herzinger arbeitet als Presales Consultant bei der genua GmbH in München. Er forschte und veröffentlichte im Rahmen des vom BMBF geförderten Forschungsprojekts zur Integration von quantencomputerresistenten Schlüsselaustauschverfahren in VPN-Protokolle. Heute berät D. Herzinger Firmen und Behörden zu den Themen IT-/OT-Security, Kryptographie und unterstützt sie bei der Absicherung ihrer digitalen Infrastrukturen (Quelle: genua)

Abbildung von Cyber-Diode

Die Datendiode Cyber-Diode ermöglicht den „Einbahn-Datentransfer“ zwischen unterschiedlichen Sicherheitszonen innerhalb eines Produktionsnetzwer (Quelle: genua)

Nun blickt die OT-Welt vielfach neidvoll auf die offene IT-Welt, in  der gerade die Sicherheitsfragen geklärt zu sein scheinen. Ist  dem so und warum ist man hier trotz des ausgeprägten Offenheitsprinzips scheinbar weiter/besser aufgestellt?

D. Herzinger: Die IT hatte nun über 20 Jahre Zeit, sich ausführlich mit dem Thema Security zu befassen. In dieser Zeit sind viele Security-Probleme verstanden worden und es wurden Lösungen dafür geschaffen. Das Nachrüsten dieser Lösungen war dann wesentlich einfacher als in der OT, da die Produktlebenszyklen sehr viel kürzer sind. Trotzdem sind auch in der IT die Awareness und die Bereitschaft, in Security zu investieren, teilweise noch zu gering. Das zeigt die Vielzahl der erfolgreichen Angriffe. Da in der OT und gerade im Bereich der funktionalen Sicherheit der Schaden allerdings noch größer sein kann als in der IT, ist die Fehlertoleranz geringer. Das ist aber auch eine Chance, diese Thematik von Anfang an ernst zu nehmen und damit aus den Fehlern der IT zu lernen.

Wo sollten OT-Experten auf ihrem Security-Weg starten und wie begleitet genua sie dabei?

D. Herzinger: Nicht jeder OT-Experte muss auch Security-Experte werden und andersherum. Vielmehr sollte OT-Security als ein eigenes Themenfeld verstanden werden, für das es eigene Experten benötigt. Diese müssen dann sowohl die Entwicklungen der OT als auch der Security beobachten und Lehren daraus ziehen. Wir bei genua haben sowohl die Experten als auch die notwendigen technischen Lösungen, mit denen wir unsere Kunden unterstützen.

Bitte erläutern Sie anhand von zwei Applikationen beispielhaft Lösungen aus Ihrem Angebot und deren Nutzen in der Praxis.

D. Herzinger: Unsere Fernwartungslösung ermöglicht den temporären Zugriff auf hoch kritische OT- und IT-Systeme bei höchstem Sicherheitsstandard. So kann beispielsweise die Ursache für die Abschaltung eines Kraftwerks durch Experten remote analysiert und behoben werden. Mithilfe unserer industriellen Datendiode können Prozessdaten einer Produktionsanlage in einem Einweg-Datenstrom sicher und rückwirkungsfrei ausgeleitet und zum Beispiel in einer Public Cloud analysiert werden. Damit können Unternehmen ihren Produktionsprozess optimieren, ohne die Anlage oder deren Verfügbarkeit zu gefährden.

Zero Trust ist aktuell ein viel genannter Begriff. Was bedeutet er konkret und wie unterstützt genua seine Kunden bei diesem Thema?

D. Herzinger: Zu den wesentlichen Aspekten von Zero Trust gehört es einerseits, die initiale Angriffsfläche zu verkleinern, und andererseits, die Schadensausweitung nach einem erfolgreichen Angriff zu verringern. Im Industrieumfeld bedeutet das unter anderem, die ein- und ausgehende Kommunikation von Systemen auf das tatsächlich Notwendige zu beschränken. Dies kann durch eine feinere Segmentierung erreicht werden. Also wird, statt nur an den Netzübergängen, ein eigener Mikroperimeter um einzelne kritische Maschinen gebildet. Noch besser ist es, die Kommunikation innerhalb des kompletten Netzes mit Mikrosegmentierung auf das nötige Minimum einzuschränken. Genua bietet mit dem Cognitix Threat Defender, der Industrial Firewall Genuwall und der Datendiode Cyber-Diode Produkte an, mit denen eine solche Härtung ohne Änderung der einzelnen, bereits verbauten Geräte erreichbar ist. Zero Trust spielt aber auch eine Rolle bei der Fernwartung von Systemen. Hierbei handelt es sich letztlich um die Kopplung einer potenziell unsicheren, fremdverwalteten IT des Dienstleisters mit der eigenen OT. Wir wenden daher auch bei unserer Fernwartungslösung Zero-Trust-Prinzipien an, um die Angriffsflächen und die Bewegungsmöglichkeiten des Fernwartungsdienstleisters auf ein Minimum zu beschränken.

Es gibt eine Vielzahl an Studien zu Hacker-Angriffen & Co., die auf das immer weiter steigende Sicherheitsrisiko für Industrieunternehmen aufmerksam machen. Wie wird sich die „Bedrohungslage“ aus Ihrer Sicht in den nächsten Jahren weiterentwickeln? Was raten Sie Unternehmen, mit welchen Maßnahmen sie schon jetzt agieren sollten, und wie begleiten Sie Kunden auf diesem Weg?

D. Herzinger: Sowohl Wirtschaft als auch Gesellschaft werden auch in Zukunft immer abhängiger von digitalisierten Prozessen sein. Mit dieser Abhängigkeit steigt auch die Attraktivität für Angreifer jeder Art. Wichtig für Firmen ist es, die Risiken von Beginn an zu erfassen, ehrlich zu bewerten und diese Risikoabschätzung regelmäßig zu aktualisieren. Das ist die Basis für alle Veränderungen bezüglich der Vernetzung der OT und die zwingend damit einhergehenden Security-Maßnahmen. Diese sollten sich an den Prinzipien Zero Trust und Security by Design aller involvierten Produkte orientieren. Wir als genua stehen unseren Kunden auf dieser Reise gerne sowohl beratend als auch mit unseren Produkten zur Seite.

Bitte geben Sie abschließend noch einen Ausblick in die genua-Welt: Welche Themen treiben Ihre Weiterentwicklungen am stärksten voran? Auf welche Neuheiten dürfen sich Kunden zum Beispiel zur it-sa oder SPS im Herbst freuen – und natürlich auch darüber hinaus?

D. Herzinger: Wir arbeiten ständig daran, unsere Produkte nicht nur hoch sicher, sondern auch einfach bedienbar, skalierbar, integrierbar und wartbar für unsere Kunden zu gestalten. Das ist ein kontinuierlicher Prozess.

Hierfür arbeiten wir an Web-Interfaces, Rest-Schnittstellen, Log-Daten, offiziellem Support unterschiedlicher Hypervisoren, wie VMWare oder Hyper-V, Hochverfügbarkeit und vielem mehr.

Parallel dazu entwickeln wir neue Cloud-basierte Lösungen für Zero Trust im gesamten Netzwerk sowie für das Storage- und Access Management von aufgezeichneten Remote-Desktop-Fernwartungen.

Inge Hübner
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