Bild von einem Demoaufbau von SEW-Eurodrive, der den Startup-Agent veranschaulicht

Chatten mit dem Umrichter – AI-Projektstudie von SEW-Eurodrive. (Quelle: SEW-Eurodrive)

"Die Hannover Messe ist – im Unterschied zu vielen anderen Industrie-Fachmessen – bekannt dafür, nicht nur Anwendungen und Produkte zu zeigen, die neu auf dem Markt verfügbar sind. Die internationale Veranstaltung bietet gerne auch Raum für spannende und zukunftsfähige Projektstudien mutiger und findiger Entwickler und wird damit zum Wegbereiter für viele Technologien, die die Welt der Industrie verändern können", gibt SEW-Eurodrive in einer Meldung an. Deshalb präsentiert das Unternehmen immer wieder selbst auf der Hannover Messe solche Themen aus der Forschung und Entwicklung und nimmt so Besuchende mit auf die Reise in die automatisierte Fabrik der Zukunft.

Startup-Agent spricht mit dem Umrichter per Chatbot

Ein kleines Podest, ein auf ein Minimum reduziertes Förderband, ein Asynchron-Getriebemotor, ein Umrichter und ein PC mit Bildschirm – das sind die wesentlichen Komponenten eines Messemodells, das in Hannover gezeigt wird. Entwickelt haben dies Leon Kontny, Leiter der Websoftware-Entwicklung bei SEW-Eurodrive, und sein Team. Ihr Ziel: Die Inbetriebnahme von einfachen Applikationen durch Unterstützung einer artifiziellen (künstlichen) Intelligenz (AI) revolutionieren.

„Wir haben uns zu diesem Messemodell, welches wir ‚Startup-Agent‘ nennen, überlegt, dass Nutzende das Förderband mit einem Handbediengerät bewegen möchten“, beschreibt Leon Kontny den Use-Case. „Das ist in der Praxis zum Beispiel der Fall, wenn ein Automatikbetrieb ausfällt. Dann sollte das Förderband trotzdem noch mithilfe eines Handbediengeräts bewegbar sein. Damit das funktioniert, muss der Umrichter entsprechend parametriert werden. Dazu setzen wir den ‚Startup-Agent‘ ein, eine von uns programmierte AI-Lösung.“

Das Highlight des Messeaufbaus ist jedoch das, was auf dem Bildschirm passiert. Dort ist ein Chat-Fenster eingeblendet, das genauso funktioniert wie ein gängiger Chatbot. „Hier kann ich reinschreiben, was der Umrichter tun soll, wenn ich das Förderband mit dem Handbediengerät ansteuern will“, erklärt Jonas Dunker, UX-Spezialist im Team von Leon Kontny. „Danach fragt mich der Startup-Agent noch nach den Motordaten und ich bin fertig. Den ganzen Rest übernimmt dann in Sekundenschnelle die KI.“

„Wer möchte, kann zunächst alles Notwendige in eine Word-Datei schreiben, alle Fragen vordenken, die die AI stellen könnte, und dann den Text in das Chatfenster reinkopieren. Im optimalen Fall ist man dann in einem Rutsch durch“, führt Leon Kontny weiter aus. „Manchmal ist es aber recht viel, an was man denken muss, oder man vergisst auch mal was. Dann geht es auch Schritt für Schritt. Man schaltet den Umrichter ein, wird von der AI gefragt, welchen Motor man verwendet, welches die Eckdaten der Applikation sind, und wird so sicher durch das System geleitet.“

Softwareoberfläche visualisiert, was über den Chat im Umrichter ankommt

Doch damit gaben sich die Entwickler nicht zufrieden. Ihnen war es bei ihrem Projekt wichtig, dass Nutzer immer das Gefühl des Vertrauens haben. An dieser Stelle kommt neben dem Chat-Fenster eine weitere Ansicht auf dem Bildschirm ins Spiel. „Alles, was die AI aus dem Chat übernimmt und dann auf den Umrichter schreibt, wird in dieser Visualisierung 1:1 angezeigt. Die AI gibt nichts anderes an den Umrichter weiter, als das, was explizit auch auf der Softwareoberfläche zu sehen ist“, versichert Leon Kontny. Nutzer können einstellen, dass jeder Schreibprozess auf den Umrichter vorher freigegeben werden muss, sie können auf diese Form der Absicherung aber auch verzichten. Ein weiterer großer Vorteil des Startup-Agenten ist es, dass man in Echtzeit sieht, was im Umrichter passiert, oder dass man frühere Einstellungen über eine Historie zurückverfolgen kann.

Für Leon Kontny und sein Team ist das bisher Erreichte nur ein Anfang. Für die Zukunft ihres Startup-Agenten haben sie noch etliche Ideen in petto. So sollen die auf der Softwareoberfläche angezeigten Einstellungen im Nachgang nicht nur mit sondern auch ohne die AI angepasst werden können. Das heißt, Nutzer können sich dann mithilfe der AI ihre eigene Softwareoberfläche bauen und damit ein Layout für ihren Umrichter entwerfen. „Dieses Layout können Personen, die zum Beispiel häufig Kräne in Betrieb nehmen, immer wieder verwenden oder dieses Layout an andere weitergeben“, beschreibt Jonas Dunker die Überlegungen. Und Leon Kontny bringt es auf den Punkt: „Wir sind zuversichtlich, dass wir die eher komplexe Welt solcher Applikationen so einfach gestalten können, dass eigentlich alle, die ein gewisses technisches Verständnis haben, es schaffen, schnell, einfach und sicher eine Inbetriebnahme durchzuführen.“

Nutzer sehen nur das Notwendige 

„Bisher war es so, dass man für alle Kundinnen und Kunden eine große und möglichst umfangreiche Software bereitgestellt hat, in der alles drin ist, was Anwender brauchen“, ergänzt Jonas Dunker und gibt zu bedenken, dass eine solche gängige und umfassende Industriesoftware häufig entsprechende Schulungen von Mitarbeitenden erforderlich macht. Außerdem seien solche Systeme oft visuell überladen und für Nutzer unübersichtlich.

Bei ihrem Startup-Agenten haben die Entwickler darauf geachtet, dass die komplexe Softwarestruktur im Hintergrund wirkt und Bediener auf der Softwareoberfläche nur das sehen, was sie gerade brauchen. „Im Moment beziehen wir uns bewusst nur auf Applikationen mit einem Getriebemotor, nicht auf komplexe Anlagen mit mehreren Motoren und komplexer SPS-Steuerung. Solche größeren und komplexeren Anlagen sollen auch weiterhin von Fachkundigen in Betrieb genommen werden, denn diese möchten meist auch eine Expertensoftware haben“, erläutert Leon Kontny. „SEW-Eurodrive hat aber viele Kunden, welche einfache Applikationen einsetzen und sich eine entsprechend einfache Software wünschen.“

Hannover Messe: Halle 13, Stand C68

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SEW-Eurodrive (ih)

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