ZVEI-Präsident Daniel Hager übergibt Bundeskanzler Friedrich Merz symbolisch den Schlüssel zur Hebung des industriellen Datenschatzes. (Quelle: VDE VERLAG)

ZVEI-Präsident Daniel Hager übergibt Bundeskanzler Friedrich Merz symbolisch den Schlüssel zur Hebung des industriellen Datenschatzes. (Quelle: VDE VERLAG)

Es war ein starkes Bild gleich zum Auftakt des ZVEI eSummit 2026 in Berlin: ZVEI-Präsident Daniel Hager überreichte Bundeskanzler Friedrich Merz symbolisch den Schlüssel zur Hebung des industriellen Datenschatzes. Treffender hätte man die zentrale Botschaft des Branchentreffens kaum inszenieren können. Denn die Elektro- und Digitalindustrie sieht sich nicht nur als Anwenderin neuer Technologien, sondern als deren Ermöglicherin – von industrieller KI über Mikroelektronik bis zur elektrifizierten und digitalisierten Infrastruktur.

D. Hager machte deutlich, dass Deutschland und Europa nicht an Ideen mangeln, sondern an konsequenter Umsetzung. Die Unternehmen seien bereit zu investieren, zu innovieren und Verantwortung zu übernehmen. Was sie dafür brauchen, sind weniger Hürden, mehr Vertrauen und Reformen, die tatsächlich in der Praxis ankommen. Bundeskanzler Merz würdigte die Elektro- und Digitalindustrie als wichtigen Leistungsträger der deutschen Wirtschaft und hob insbesondere KI und Mikroelektronik als Schlüsseltechnologien hervor. Zugleich versprach er, den Reformkurs der Bundesregierung voranzutreiben – mit Bürokratieabbau, wettbewerbsfähigeren Rahmenbedingungen und einer stärkeren Orientierung an Wachstum.

Wie sehr Regulierung und unternehmerische Praxis auseinanderliegen können, zeigte der Impuls von Dr. Reinhard C. Zinkann, geschäftsführender Gesellschafter von Miele. Seine Kritik an bürokratischen Hürden aus der EU war deutlich: Bürokratie lenke vom Wesentlichen ab und nehme Unternehmen Freiräume. Zugleich machte Zinkann klar, dass Zukunftstechnologien im Unternehmen nicht abstrakt bleiben dürfen. KI solle bei Miele zur „zweiten Muttersprache“ werden – also nicht als Sonderprojekt, sondern als selbstverständlicher Bestandteil von Prozessen, Produkten und Entscheidungen.

Technologische Souveränität

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Frage technologischer Souveränität. In der Session zur Zukunft der europäischen Verteidigungsindustrie wurde deutlich, dass sich sicherheitspolitische Anforderungen dramatisch verändert haben. Johannes Boie, Chief Marketing Officer von Helsing, verwies auf die Lehren aus dem Krieg gegen die Ukraine: Das Schlachtfeld sei transparenter geworden, Software gewinne gegenüber klassischer Hardware an Bedeutung, Geschwindigkeit werde zum entscheidenden Faktor. Gemeinsam mit Dr. Sandra Detzer MdB, Oberst Matthias Puschnig vom Bundesministerium der Verteidigung und Nicolas Schweizer von Schweizer Electronic wurde diskutiert, wie Europa industrielle Fähigkeiten, elektronische Komponenten und digitale Systeme schneller skalieren kann.

Auch bei der Mikroelektronik ging es um mehr als einzelne Chips. Unter dem Titel „Silicon Sovereignty“ diskutierten Gitta Connemann MdB, Lars Reger von NXP Semiconductors, Tanjeff Schadt von PwC Strategy&, Hester Somsen, Botschafterin des Königreichs der Niederlande, sowie Andreas Urschitz von Infineon Technologies über Europas Chancen und Defizite. Die Botschaft: Ohne leistungsfähige Mikroelektronik keine KI, keine Energiewende, keine moderne Industrie. Gleichzeitig bleibt Europa bei Produktionskosten, Energiepreisen und Geschwindigkeit unter Druck. Umso wichtiger seien europäische Kooperationen, komplementäre Stärken und klare Investitionssignale.

Dass KI nicht ohne physische Infrastruktur funktioniert, zeigte die Session zum Boom der Rechenzentren. Robert Jozic von Schwarz Digits Disrupt bezeichnete Rechenzentren als Bodenplatte der KI-Wertschöpfung. Der Nachfrageüberhang ist groß, der Bedarf an Rechenleistung wächst weiter. Stephan May von Siemens Smart Infrastructure verwies auf die Notwendigkeit, Netze auszubauen und zu digitalisieren. Dr. Peter Weckesser von Schneider Electric machte deutlich, dass KI nahezu alle Formen von Wissensarbeit verändern werde – und dass außerhalb Europas die Geschwindigkeit häufig höher sei. Damit rücken Energieversorgung, Netzkapazitäten, Datenzugang und Standortpolitik unmittelbar ins Zentrum der KI-Debatte.

Der zweite eSummit-Tag weitete den Blick auf Europa und internationale Zusammenarbeit. Carsten Schneider, Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit, sprach über einen neuen Wachstumskurs, der nachhaltig, sozial und klimaneutral sein müsse. François Delattre, Botschafter der Französischen Republik, betonte die Bedeutung europäischer Zusammenarbeit von Forschung, Politik und Industrie. Europa habe KI nicht verloren; seine Stärke liege vor allem in der industriellen Anwendung.

Einen eigenen Akzent setzte die Diskussion „China Speed in der Normung“ mit Dr. Mikko Huotari von MERICS, Matthias Patz von DIN, Michael Teigeler von DKE und Markus Reigl von Siemens. Sie machte deutlich, dass Normung längst ein strategisches Wettbewerbsfeld ist. Wer Standards setzt, prägt Märkte. Für Europa heißt das: Technologische Souveränität entsteht nicht nur in Laboren und Fabriken, sondern auch in Gremien, Prozessen und internationalen Regelwerken.

Zum Abschluss wurde der industriepolitische Bogen noch einmal weit gespannt. Dr. Markus Söder, Ministerpräsident des Freistaates Bayern, diskutierte mit Ulrich Leidecker von Phoenix Contact und Ramona Meinzer von Aumüller Aumatic über Hightech, Heimat und industrielle Zukunft. Dabei zeigte sich ein Grundmotiv des gesamten eSummit: Die Elektro- und Digitalindustrie ist bereit, Transformation praktisch umzusetzen. Doch Umsetzung braucht Standortbedingungen, die Innovation ermöglichen statt ausbremsen.

Der ZVEI eSummit 2026 zeigte damit eine Branche, die ihre Rolle klar definiert: Sie will nicht Zuschauerin der digitalen und elektrischen Transformation sein, sondern deren Architektin. Der symbolische Datenschlüssel an den Bundeskanzler war deshalb mehr als ein schönes Fotomotiv. Er war Auftrag und Angebot zugleich: Der Datenschatz der Industrie ist vorhanden. Jetzt kommt es darauf an, ihn entschlossen, souverän und mit industriellem Pragmatismus zu heben.

Ronald Heinze

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