Philipp Oemler, Senior Managing Director bei FTI-Andersch: "Ein reines ‚Weiter-mit-dem-Markt-wachsen‘ wird in vielen Fällen nicht mehr ausreichen. Gefragt sind gezielte Anpassungen von Geschäftsmodellen, Portfolios und Wertschöpfung an die neuen Wettbewerbsrealitäten.“ (Quelle: FTI-Andersch)
"Bei den Maschinenbauern, die sich von einem möglichen Verlust der Technologieführerschaft betroffen sehen, zeigt sich ein gemischtes Reaktionsmuster", berichtet FTI-Andersch in einer Meldung und belegt an Zahlen aus seinem "German Economic Pulse 2025": 86 % investieren verstärkt in den Aufbau eigener Software- und IT-Kompetenz, weitere 3 % planen dies kurzfristig. 73 % arbeiten an der Beschleunigung ihrer Innovationszyklen. Rund zwei Drittel intensivieren die Zusammenarbeit mit Universitäten und Forschungseinrichtungen oder planen dies (66 %). Die gleiche Anzahl will das eigene Geschäft künftig stärker auf Nischen fokussieren, weitere 14 % sind bereits heute stark auf Nischen ausgerichtet. Technologiepartnerschaften mit US- oder asiatischen Unternehmen bestehen derzeit bei 14 %, weitere 21 % planen den Aufbau solcher Kooperationen.
„Dass eine Mehrheit der Maschinenbauer den Verlust der Technologieführerschaft erwartet, hätte vor wenigen Jahren noch als undenkbar gegolten. Wir sehen das im Markt heute schon in einigen Fällen wie beim Werkzeug- und Spritzgussmaschinenbau“, sagt Philipp Oemler, Senior Managing Director bei FTI-Andersch, der auf Restrukturierung, Business Transformation und Transaktionen spezialisierten Beratungseinheit von FTI Consulting. „Entscheidend ist nun, wie Unternehmen darauf reagieren. Klassische Instrumente wie Fokussierung können im Einzelfall sinnvoll sein, greifen aber zu kurz, wenn sie nicht Teil einer ganzheitlichen Transformation sind. Ein reines ‚Weiter-mit-dem-Markt-wachsen‘ wird in vielen Fällen nicht mehr ausreichen. Gefragt sind gezielte Anpassungen von Geschäftsmodellen, Portfolios und Wertschöpfung an die neuen Wettbewerbsrealitäten.“
China-Offensive in Europa
Wie die Studie zeigt, halten es nahezu alle befragten Maschinen- und Anlagenbauer für wahrscheinlich, dass chinesische Unternehmen in den kommenden Jahren verstärkt auf den europäischen Markt drängen (93 %). Mehr als die Hälfte der Befragten stuft das als sehr wahrscheinlich ein (52 %), weitere 10 % geben an, dass dieser Markteintritt in ihrem Segment bereits stattgefunden hat. 19 % der Unternehmen geben an, dass dies sehr starke, weitere 38 % erwarten starke Auswirkungen auf das eigene Geschäft – insgesamt wären damit 57 % deutlich betroffen.
29 Prozent der Maschinen- und Anlagenbauer berichten zudem von erheblichen oder begrenzten finanziellen Nachteilen, weil Wartungs- und Supportleistungen zunehmend von Drittanbietern übernommen werden. Hierfür werden der Einsatz von künstlicher Intelligenz, Automatisierung oder digitalen Plattformen als Gründe genannt.
„Der Wettbewerbsdruck im Maschinen- und Anlagenbau nimmt auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu: neue regionale Wettbewerber genauso wie durch Akteure aus Software und Service. Die sorgen teils für erhebliche Umsatzrückgänge im Service-Geschäft“, sagt P. Oemler. „Für jedes Unternehmen stellt sich damit sehr konkret die Frage, in welchen Bereichen es sich differenzieren kann und wo nicht. Diese Klarheit ist Voraussetzung, um Investitionen gezielt zu steuern und Fehlallokationen zu vermeiden.“
Maßnahmen gegen Strukturbrüche
Wie FTI-Andresch weiter berichtet, setzen viele Maschinen- und Anlagenbauer als Antwort auf die zunehmenden strukturellen Brüche auf eine Kombination aus technologischen, organisatorischen und strategischen Anpassungen. In der Befragung gaben vier von fünf Unternehmen an, eigene digitale Serviceangebote aufzubauen oder dies kurzfristig zu planen (80 %). 72 % verlagern Produktionsschritte in Regionen mit niedrigeren Kosten oder bereiten dies vor. "Eine klare Mehrheit investiert zudem in zusätzliche Software- und KI-Kompetenz und richtet ihr Geschäft stärker auf spezialisierte Nischenmärkte aus", wird als weiteres Ergebnis genannt.
Nur gut ein Drittel der Maschinenbauer plant neue Erlösmodelle, wie Pay-per-Use oder Monitoring-as-a-Service (37 %). Beteiligungen an spezialisierten (KI-)Start-ups ziehen 20 % in Betracht, um sich gezielt zusätzliche Impulse zu sichern.
„Die Beobachtung aus unserer Beratungspraxis deckt sich mit den Ergebnissen der Allensbach-Untersuchung: Viele Unternehmen reagierten in den vergangenen Jahren aktiv, aber eher konservativ und fokussiert auf Teilbereiche“, sagt P. Oemler. „Im Maschinenbau wird sich vor dem Hintergrund der neuen Marktgegebenheiten künftig weniger über einzelne Maßnahmen entscheiden, sondern darüber, ob Technologie, Service und kommerzielle Logik zu einem stimmigen Geschäftsmodell verbunden werden. Genau dort liegt für einzelne Unternehmen der entscheidende Hebel. Entsprechend beobachten wir einen starken Anstieg im Bereich der umfassenden Transformationen.“
Methodik
Für den German Economic Pulse 2025 hat das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Unternehmensberatung FTI-Andersch insgesamt 169 deutsche Industrieunternehmen telefonisch befragt. Im Fokus standen die Branchen energieintensive Industrie (64 Unternehmen), Maschinen- und Anlagenbau (58) sowie Automobilunternehmen (47). Rund 80 % der Interviews wurden mit Vorständen oder Geschäftsführern geführt, die restlichen mit Bereichsleitern aus den Bereichen Finance, Strategie und Vertrieb.