Rainer Brehm leitet die Fabrikautomatisierung bei Siemens Digital Industries

Rainer Brehm leitet die Fabrikautomatisierung bei Siemens Digital Industries (Quelle: Siemens)

Herr Brehm, rund drei Jahre früher als unser Fachmedium openautomation gestartet ist, hat Siemens das Totally-Integrated-Automation-Konzept auf den Weg gebracht. TIA ist ein Synonym für Automatisierungstechnik aus dem Haus Siemens. Für was steht TIA heute?

R. Brehm: Als ich vor rund 27 Jahren bei Siemens meine erste Steuerung programmiert habe, war das noch nicht so komfortabel wie heute. Das wurde mit TIA anders: Totally Integrated Automation hatte das Ziel, die Automatisierung durchgängiger und somit einfacher zu gestalten, indem OT-Komponenten in die Fertigung integriert wurden und diese Stück für Stück für IT- und Softwarefunktionen geöffnet wurden. Ein Meilenstein war dabei die Markteinführung des TIA Portals vor mehr als zehn Jahren, das auch heute noch der Kern der Automatisierungstechnik ist. Alle Arbeitsschritte einer Maschine müssen nahtlos ineinandergreifen.

Heute steht TIA für intelligente Automatisierungsentwicklung, flexible Maschinenkonzepte, transparenten Betrieb und nachhaltige Lösungen. Industrie muss aber immer flexibler, adaptiver und nachhaltiger werden. Die Daten aus der Produktion werden immer wichtiger. Auf der Basis von TIA erweitern wir daher Automatisierung kontinuierlich in Richtung einer adaptiven und zunehmend autonomen Produktion. Und zwar mit unserem Industrial-Operations-X-Portfolio als Teil von Siemens Xcelerator, welches immer mehr IT-Fähigkeiten und Softwaremethoden in die Produktion bringt. Eine vollintegrierte Automatisierung, wie sie unser TIA-Portfolio bietet, ist und bleibt die Grundlage für diese Erweiterung in Richtung einer softwaredefinierten Automatisierung.

Welche Bedeutung hat offene Automatisierungstechnik heute für Siemens und welche Aspekte ordnen Sie unter den Begriff Open Automation ein?

R. Brehm: Open Automation hat für uns zwei Aspekte: erstens die Offenheit hinsichtlich industrieller Kommunikationsstandards zur Bereitstellung und Nutzung von Daten. Zweitens die Offenheit in Bezug auf Zusammenarbeit mit Partnern über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg sowie entlang der Lieferkette.

Die Automation ist der Haupttreiber für eine möglichst effiziente Wertschöpfung. Natürlich ist es dabei naheliegend, zugrunde liegende Prozesse immer weiter zu optimieren, um noch effizienter produzieren zu können. Die intelligente Nutzung von anfallenden Daten unterschiedlicher Art spielt dabei eine immer wichtigere Rolle und ist der Haupttreiber für das nächste Level an Produktivität – das war schon vor 20 Jahren so, wurde aber über die letzten Jahre immer wichtiger. Was jetzt anders ist: Die Konzepte ändern sich, es entstehen dedizierte Datenintegrationslösungen, sogenannte Datenintegrations-Layer. So auch unser Industrial Information Hub (IIH) auf Basis unserer Industrial-Edge-Plattform. Diese Lösungen bieten flexibel und aufwandsarm einen Zugriff auf Anlagendaten, um im nächsten Schritt mithilfe von Operations Software Apps jeglicher Art zu optimieren.

Offenheit spielt hierbei eine maßgebliche Rolle, denn unsere Kunden setzen trotz unseres Markterfolgs natürlich nicht immer nur auf TIA und Simatic, sondern je nach Anwendungsgebiet kommen auch Produkte anderer Hersteller zum Einsatz. Wir verstehen uns dabei als Treiber offener Standards, wie Profinet und OPC UA, sowie Konzepte wie der Asset Administration Shell, weil nur so eine herstellerübergreifende Interoperabilität ermöglicht werden kann.

Für unsere Kunden ist Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern oft die einzige Möglichkeit, um zu ganzheitlichen Lösungen zu gelangen und sich gleichzeitig flexibler an besondere Anforderungen anzupassen. Kunden wünschen sich dabei auch einen starken Orchestrator, der für die gleiche Qualität und Interoperabilität sorgt, die Kunden heute von Siemens-Systemen gewohnt sind.

Ein Beispiel für solch ein offenes Ökosystem in der Automatisierung, das nach genau diesem Prinzip funktioniert, ist das Industrial-Edge-Ökosystem von Siemens. Ziel ist es, mithilfe eines offenen Ökosystems von der Industrie für die Industrie ein umfassendes Portfolio für die automatisierte Datenverarbeitung auf Shopfloor-Ebene zu erarbeiten. Dabei fördern wir einen aktiven Austausch beispielsweise zwischen Industrieunternehmen, App-Entwicklern oder Komponentenherstellern, die jeweils von der Zusammenarbeit profitieren. Seit letztem Jahr bieten beispielsweise AWS und Festo ihre App-Lösungen auf unserem Industrial-Edge-Marktplatz an und sind Teil unseres Ökosystems geworden.

Für die gemeinsame und souveräne Nutzung von Daten entlang der gesamten Fertigungs- und Lieferkette sind wir Teil der branchenübergreifenden Manufacturing-X-Initiative von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft.

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