Interview mit Berenice Böhner und Philipp Nicolai
Wie konnte diese deutliche Reduzierung der Ausschussrate erreicht werden?
Ph. Nicolai: Wir zählen nicht nur den Ausschuss, sondern versuchen die Informationen anzureichern. Das heißt: Was war die Ursache, die diesen Fehler verursacht hat? Wobei und warum ist das Ausschussteil entstanden? So gibt es eine gezieltere Möglichkeit, dagegen vorzugehen. Außerdem kann sofort gesehen werden, ob Verbesserungen greifen. Theoretisch könnten die Informationen automatisiert bereitgestellt werden. Aber die Datenbasis kann sich durch Variantenwechsel und Optimierungen der Anlagen verändern. So identifizieren die Schichtführer oder Maschinenbediener in den Reporten sofort Auffälligkeiten und leiten daraus Handlungen ab.
Somit erhöhen Sie auch die Flexibilität der Produktion.
Ph. Nicolai: Richtig. Dabei betrachten wir auch Handarbeitsplätze, obwohl diese nicht automatisiert sind. Aber wir wollen keinen Medienbruch zwischen irgendeinem Arbeitsplatz im Unternehmen haben. Für uns ist ein Handarbeitsplatz genauso wichtig und wertvoll zu beurteilen in Bezug auf Produktivität und Qualität wie eine hochkomplexe Produktionsstraße mit mehreren Aggregaten und Stationen.
Welche technologischen Entwicklungen sehen Sie als nächstes für MK|Ware?
B. Böhner: Wir sehen großes Potenzial in der weiteren Integration von künstlicher Intelligenz. KI kann uns helfen, Muster und Trends in den Daten schneller zu erkennen, darauf basierend Prozesse zu optimieren und die Effizienz weiter zu steigern. Ein spezieller Fokus liegt auf der prädiktiven Wartung, die Ausfälle verhindern und die Lebensdauer von Maschinen verlängern kann. Zum Beispiel integrieren wir gerade einen KI-gestützten Fertigungsplaner, der zwar KI-basiert ist, aber nicht KI-gesteuert. Das heißt: Der Fertigungsplaner hat immer noch die Hoheit darüber.
Warum ist das wichtig?
B. Böhner: Es gibt eine massive Bandbreite an Anforderungen, die ein Fertigungsplaner hat. Man muss die KI ansehen, als wenn das ein neuer Mitarbeiter wäre. Alles, was ich dem neuen Mitarbeiter beibringe, kann dieser Mitarbeiter auch in die Tat umsetzen. Was ich ihm aber nicht sage, weil es nur in meinem Kopf ist bzw. es immer so gemacht wurde, kann dieser Mitarbeiter nicht wissen. Somit gibt es immer wieder Szenarien, auf die die KI nicht vorbereitet ist. Daher ist die Flexibilität wichtig, um in die vorgeschlagene Planung noch eingreifen zu können.
Wie entstehen ihre Lösungen?
Ph. Nicolai: Wir entwickeln sehr praxisnah: Die meisten Wünsche oder Anregungen kommen aus den Betrieben, sowohl aus dem Shopfloor als auch aus dem Management. Wir implementieren eine eigene Lösung, die aber nah an diesen Wünschen ist. Das ist gelungen: Bei 14 Jahren Softwareentwicklung haben wir bei allen Kunden die gleiche Software laufen. Jeder Kunde nutzt dasselbe Produkt. Dazu kommt: Wir haben den Quellcode zu 100 % in unserer Hand. Das heißt: Wir haben keinen Zukauf, keine Dienstleistung, die irgendwas für uns programmiert. Am Ende des Tages ist es eigenes Knowhow. Zu guter Letzt ist es so, dass wir nicht nur die Software bereitstellen und für die Maschinenkonnektivität sorgen, sondern uns auch um die Infrastruktur kümmern. Wir stellen eine sogenannte Private Cloud zur Verfügung, also ein kleines Mini-Rechenzentrum für den Kunden, welches wir auch betreuen können.
B. Böhner: Die Datenhoheit bleibt beim Kunden. Wir verdienen kein Geld mit den Kundendaten.
Gibt es spezifische Branchen, die besonders von Ihren Lösungen profitieren?
B. Böhner: Während unsere Lösungen branchenübergreifend anwendbar sind, sehen wir besonders starke Vorteile in der Automobilindustrie und in der Medizintechnik, wo Präzision und Effizienz extrem wichtig sind. Aber auch kleinere Fertigungsbetriebe oder Produzenten mit Kleinteilserien profitieren erheblich von der verbesserten Datentransparenz und Prozesssteuerung. Über lange Fertigungsprozesse lassen sich die Daten genau tracken.
Ph. Nicolai: Es gibt auch Anwendungen, bei denen zum Beispiel schon 2 Mrd. Teile produziert worden sind. Dort haben wir jetzt dementsprechend einen Berg von 2 Mrd. Datensätzen. Seitdem die Software eingeführt wurde, können die Daten jedes Teils aufgerufen werden. Eine Besonderheit ist unsere dynamische Produktdatenerfassung. Wir haben also eine Seriennummer zu einem Produkt und sammeln dazu Prozessdaten, wann, wie und wo dieses Produkt mit welchen Drehmomenten, mit welchen Temperaturen und mit welchen Kräften produziert wurde. Dabei können jederzeit dynamisch beliebig Spalten hinzugefügt werden. Ein Datenschatz für zukünftige KI-Anwendungen. Aber auch heute schon stoppen wir nicht bei der Datenanalyse, sondern geben vor Ort konkrete Vorschläge, was man optimieren kann.
Was erwarten Sie für die Zukunft der Digitalisierung in der Produktion?
Ph. Nicolai: Wir stehen erst am Anfang einer Revolution. Die Digitalisierung wird weiterhin rapide voranschreiten und die Produktionslandschaften weltweit verändern. Unsere Mission bei MKW ist es, an der Spitze dieser Bewegung zu stehen und unseren Kunden zu ermöglichen, diese neuen Möglichkeiten voll auszuschöpfen. Dazu gehört die bestmögliche Produktionsoptimierung, auch mit KI-Tools. Unsere Lösungen verbessern nicht nur die Effizienz und Qualität der Produktion, sondern bieten auch die Flexibilität, auf zukünftige Anforderungen reagieren zu können.
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