Industrielle Kommunikation wird heute neu bewertet, weil sie nicht mehr nur Datenübertragung organisiert, sondern zunehmend Sicherheit, Update-Fähigkeit und regulatorische Belastbarkeit mitträgt (Quelle: Hilscher)
Kommunikationsmodule in der industriellen Automation werden heute nicht mehr nur daran gemessen, wie schnell sie sich integrieren lassen. Zunehmend entscheidet sich an ihnen auch, wie sicher, updatefähig und regulatorisch belastbar ein Produkt über Jahre hinweg bleibt. Mit dem Cyber Resilience Act (CRA) verschiebt sich der Blick auf vernetzte Produkte spürbar:
- Die Verordnung ist seit dem 10. Dezember 2024 in Kraft.
- Die Meldepflichten für aktiv ausgenutzte Schwachstellen und schwere Sicherheitsvorfälle greifen ab 11. September 2026.
- Die Hauptpflichten gelten ab 11. Dezember 2027.
Der regulatorische Impuls kommt nicht aus dem Nichts. Mit dem CRA reagiert die Europäische Union (EU) auf Sicherheitsdefizite bei Produkten mit digitalen Elementen und auf den Umstand, dass notwendige Sicherheits-Updates oft nicht rechtzeitig bereitgestellt werden. Für Gerätehersteller hat das unmittelbare Folgen: Die Frage nach der industriellen Kommunikation ist nicht mehr nur eine Frage der Konnektivität. Sie wird zunehmend zu einer Frage der Produktverantwortung über den gesamten Lebenszyklus.
Umdenken im Embedded-Module-Bereich
Der Druck auf Gerätehersteller wächst derzeit von mehreren Seiten gleichzeitig. Sicherheitsanforderungen steigen, Produkte müssen über lange Lebenszyklen wartbar bleiben, und zugleich verkürzen sich in vielen Märkten die Entwicklungsfenster und Markteinführungszeiten. Vernetzte Geräte müssen heute nicht mehr nur beim Design-in überzeugen. Sie müssen auch später noch updatefähig, nachvollziehbar absicherbar und im Ernstfall organisatorisch beherrschbar sein. Diesen Lifecycle-Gedanken stellt der CRA in den Mittelpunkt.
Gerade in diesem Spannungsfeld gewinnen Embedded-Module an Attraktivität. Sie stellen nicht nur Kommunikationsfunktionen bereit, sondern bündeln Komplexität an einer strategisch wichtigen Stelle der Produktarchitektur. Es geht also nicht mehr nur allein um die Frage, ob ein Embedded-Modul Kommunikation abbilden kann, sondern wie belastbar diese Funktion über den gesamten Lebenszyklus organisiert ist. Wo früher vor allem Protokollsupport, Integrationsaufwand und Time-to-Market im Vordergrund standen, rücken heute auch Update-Fähigkeit, Security-Architektur und Nachweisbarkeit mit in die Bewertung. „Cybersicherheit lässt sich nicht nachträglich ergänzen“, sagt Thomas Rauch, Chief Technology Officer (CTO) bei Hilscher. „Sie muss von Anfang an in die Architektur integriert werden – in Hardware, Software und Managementsysteme. Damit beginnt jede sichere Architektur auf Gerätebene. Jede Schwachstelle, die hier besteht, macht alle nachgelagerten Schutzmaßnahmen wirkungslos.“
Security wird zum Leitmotiv auf Protokollebene
Dass sich diese Verschiebung nicht nur regulatorisch, sondern auch technologisch abzeichnet, zeigt ein Blick in die großen Industrial-Ethernet-Ökosysteme. Auch auf Protokollebene gewinnen Security, Nachweisbarkeit und Lifecycle-Fähigkeit an Gewicht.
Ein Blick auf die wichtigsten Protokolltechnologien zeigt das: Das Profinet-Protokoll ist bereits heute eine gute Basis für CRA-Compliance. Für Security gibt es allerdings keinen One-Size-Fits-All-Ansatz, das sagt auch Profibus & Profinet International (PI). Profinet Security ist daher zur Absicherung industrieller Netzwerke in drei Klassen unterteilt und fokussiert sich auf den Schutz vor unbefugten Zugriffen (DCP-Schutz, signierte GSD-Dateien), die Sicherstellung der Kommunikation zwischen authentifizierten Geräten (Integrität & Authentizität) sowie die Datenverschlüsselung zum Schutz von IO-Daten (Vertraulichkeit).
Zwar bietet das EtherCAT-Protokoll bereits inhärent eine geringe Angriffsfläche für Schadsoftware, da es Ethernet-Frames verarbeitet und daher von IT-basierter Infrastruktur klar abgetrennt wird. Allerdings arbeitet auch die EtherCAT Technology Group an Protokollerweiterungen für EtherCAT-Anwendungen mit sehr hohen Cybersecurity-Anforderungen. Zudem soll eine eigene Zertifizierungsstelle aufgebaut werden, wodurch EtherCAT-Komponenten einheitlich signiert und authentifiziert werden können.
Die ODVA hat ein Rahmenwerk für CIP Security, eine Erweiterung des EtherNet/IP-Protokoll-Standards, geschaffen, mit dem erkannte Schwachstellen angemessen offengelegt und adressiert werden. Als wichtigste Anforderungen benennt die ODVA in diesem Zusammenhang Security-by-Default, Schutz vor unauthorisierten Zugriffen sowie die Vertraulichkeit und Integrität der übertragenen Daten. CIP Security erweitert dazu das Common Industrial Protocol um TLS/DTLS-Verschlüsselung und zertifikatsbasierte Authentifizierung, um sowohl TCP- als auch UDP-basierte Kommunikation zu sichern.
Für Gerätehersteller ist damit vor allem eines entscheidend: Die Wahl einer Kommunikationslösung ist heute nicht mehr nur eine Frage der Netzwerkanbindung. Sie ist zunehmend auch eine Entscheidung über Security-Architektur, Umsetzbarkeit und zukünftige Regulierungsfähigkeit. Die Details unterscheiden sich je nach Protokoll, die Stoßrichtung ist jedoch ähnlich: Sicherheitsmechanismen werden verbindlicher beschrieben, Anforderungen präziser definiert und ihre praktische Umsetzbarkeit im Produktkontext stärker in den Vordergrund gerückt.