Interview mit H. W. Reiter
Viele Hersteller sprechen über die Verschmelzung von IT und OT – wie beeinflusst dieser Trend die Anforderungen an die Produkte, die DigiKey für den Automatisierungsbereich anbietet?
H. W. Reiter: Unser Ziel ist es, ein vollständiges Komponentenangebot für Automatisierer bereitzustellen. Das Portfolio wird entsprechend kontinuierlich erweitert. Der Bedarf an kompatibler Kommunikation wächst enorm. Viele Geräte müssen heute sowohl OT- als auch IT-Protokolle beherrschen. Deshalb spielt Konnektivität eine zentrale Rolle in unserer Sortimentsplanung.
Digitale Zwillinge, Simulation, Augmented Reality und virtuelle Inbetriebnahme – sehen Sie hier bereits eine messbare Nachfrage im Komponentenbereich?
H. W. Reiter: Ja, definitiv. Diese Technologien sind für uns von zentraler Bedeutung. Vor allem in der Konzeptionsphase wünschen sich Kunden hochwertige Datenmodelle. Augmented und Virtual Reality entwickeln sich zu wichtigen Werkzeugen in der industriellen Automatisierung – etwa in der Wartung und Instandhaltung.
Wie schätzen Sie die Bedeutung von Kommunikationsstandards wie OPC UA oder MQTT ein – beeinflussen diese Protokolle die Produktauswahl und -verfügbarkeit bei DigiKey?
H. W. Reiter: Diese Standards sind heute Schlüsseltechnologien. Unsere Kunden legen zunehmend Wert darauf, dass sich Komponenten problemlos in moderne Netzwerkarchitekturen integrieren lassen. Das berücksichtigen wir konsequent in unserer Produktauswahl.
Sie profitieren sicher auch im Automatisierungsbereich von Ihrem Zugang zu Elektronikkomponenten.
H. W. Reiter: Absolut. Im Elektronikbereich sind wir nahezu eine „Bauteilefreigabestelle“. Was bei uns auf Lager ist, ist auch tatsächlich verfügbar. Wir genießen ein hohes Vertrauen am Markt. Unsere Erfahrungen aus der Elektronikdistribution möchten wir in die Automatisierungsbranche übertragen. Allerdings spielt bei Endkunden im Automatisierungsbereich die konkrete Wahl der verbauten Elektronikkomponenten eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, dass die Produkte funktionieren und offen genug sind, um daraus ganze Systeme zu bauen.
In welchen Industrien sehen Sie aktuell das größte Wachstumspotenzial für Automatisierungskomponenten?
H. W. Reiter: Wir sehen starkes Interesse in Bereichen wie HEV und der DC-Industrie. Wir fokussieren uns aber nicht auf bestimmte vertikale Märkte. Unser Ziel ist es, allen Anwendern den Zugang zum passenden Portfolio zu erleichtern. Unsere größte Sorge ist, dass uns manche Anwender noch nicht kennen. Daher wollen wir unsere Sichtbarkeit im DACH-Raum weiter ausbauen. Unser globales Erfolgsmodell zahlt sich aus: Wir beliefern inzwischen fast eine Million Kunden in 180 Ländern und schaffen dadurch auch neue Marktzugänge für kleinere Hersteller.
DigiKey ist bekannt für seine Logistik und Sortimentstiefe– welche speziellen Services bieten Sie für Automatisierungskunden?
H. W. Reiter: Neben der breiten Produktverfügbarkeit bieten wir Services wie Konfiguratoren, Referenzdesigns, Tutorials sowie bei Bedarf kundenspezifische Verpackung oder Vormontage. Beispielsweise schneiden wir Kabel auf Wunschlänge zu. Besonders hervorheben möchte ich unser Tech-Forum, das bereits zwei Millionen Aufrufe verzeichnet. Dort erhalten Anfragende schnell fundierte Antworten. Es gehört zur DNA von DigiKey, Know-how umfassend bereitzustellen – dazu zählen auch die per API abrufbaren Datensätze auf unserer Webseite.
Wie differenziert sich DigiKey in einem Markt, in dem auch klassische Automatisierungsanbieter stark vertreten sind? Warum sollten Anwender bei Ihnen kaufen?
H. W. Reiter: Unsere Stärke liegt in der Kombination aus Geschwindigkeit, Sortiment und digitaler Verfügbarkeit – selbst bei kleinsten Stückzahlen. Während andere Anbieter sehr spezialisiert sind, bieten wir ein breites Sortiment kompatibler Produkte – oft mit 48-Stunden-Lieferung weltweit. Diese schnelle Lieferung umfasst sogar Industrieroboter.
Gibt es Überlegungen, über den reinen Vertrieb hinaus auch eigene, anwendungsnahe Lösungspakete oder White-Label-Produkte im Automatisierungsbereich anzubieten?
H. W. Reiter: Aktuell ist das nicht geplant. Wir verstehen uns als neutrale Plattform, die Kunden Zugang zu einer möglichst breiten Produktpalette bietet.
Wie begegnet DigiKey Herausforderungen wie Lieferengpässen oder geopolitischen Unsicherheiten speziell im Kontext industrieller Automatisierung?
H. W. Reiter: Wir haben 15 Millionen Produkte von insgesamt 3 000 Lieferanten auf unserer Plattform, davon sind über fünf Millionen direkt verfügbar. Gleichzeitig haben wir unsere Lieferketten diversifiziert, um bei globalen Problemen flexibel reagieren zu können.
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei DigiKeys Produktauswahl im Automatisierungsbereich – z. B. bei energieeffizienten Antrieben oder recyclingfähigen Komponenten?
H. W. Reiter: Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema. Wir stellen entsprechende Produkte bereit, die letztendliche Auswahl liegt jedoch beim Kunden. Auch unser Lieferkonzept ist nachhaltig: Wir verpacken Produkte verschiedener Hersteller in einem Paket nach dem One-Stop-Shop-Prinzip.
Wo sehen Sie DigiKey zukünftig im Segment der industriellen Automatisierung?
H. W. Reiter: Wir wollen weiterhin der One-Stop-Shop für die Automatisierung sein – mit dem richtigen Sortiment für jedes Land und noch mehr Tiefe im Automatisierungssegment. Ich möchte an dieser Stelle auch gezielt Hersteller ansprechen, die noch nicht bei uns gelistet sind: Nehmen Sie Kontakt mit uns auf!
Was begeistert Sie persönlich an der aktuellen Entwicklung im Automatisierungssektor – und worauf freuen Sie sich besonders?
H. W. Reiter: Mich begeistert die Geschwindigkeit der Innovationen und die enorme Lösungsvielfalt in der Automatisierung. Besonders spannend finde ich auch das Feedback, das wir über unsere Tech-Forum-Seiten erhalten. (hz)
Literatur
- DigiKey Germany GmbH, München: www.digikey.de