Interview mit Daniel Siegenbrink
Wo besteht noch Nachholbedarf und wann gibt es dafür Lösungen?
D. Siegenbrink: Zunächst zeigen die 100 Projekte, dass wir mit ebenso vielen unterschiedlichen Funktionsmodulen 95 % der Fälle erledigen können. Dabei handelt es sich ausschließlich um Funktionen, die seit Längerem auf unserer Roadmap stehen. Die Bearbeitung der Projekte bringt aber auch die Erkenntnis mit sich, dass viele unserer Kunden unsere Schaltschrankkomponenten in Kombination mit anderen Schaltschrankgeräten einsetzen. Dies hat uns dazu bewogen, weitere, in Form neuer Produkte – z. B. ein Schnittstellenmodul zu Fremdaggregaten wie Beschriftungsgeräten – zu definieren. Darüber hinaus sehen wir den Bedarf, das Engineering durch ein Softwaretool zu vereinfachen bzw. zu standardisieren. Hier hilft es, dass wir einen definierten Baukasten anbieten, dessen Komponenten sich nach einfachen Regeln miteinander kombinieren lassen. Das Tool, das wir aktuell als Systemdesigner bezeichnen, soll es dem Kunden ermöglichen, über einfache Drag-and-drop-Operationen die Komponenten auszuwählen, diese mit Aktoren und Sensoren zu verknüpfen und als Ergebnis einen Schaltplan, eine Stückliste sowie die Systemkonfiguration für die Automatisierungssoftware zu liefern. Sowohl die weiteren Hardwarefeatures als auch das Softwaretool sind für das kommende Jahr auf unserer Roadmap.
Ein wichtiges Thema im Feld ist immer die Diagnosefähigkeit. Was bieten Sie hier?
D. Siegenbrink: Da alle Komponenten des MX-Systems Ethercat-fähig sind, stehen alle Diagnosevorteile dieses Industrial-Ethernet-Systems vollumfänglich zur Verfügung. Insgesamt ermöglicht das sehr schnelle und vor allem auch eindeutige Systemdiagnosen im Maschinenbetrieb. Eine nicht zu unterschätzende Komponente des MX-Systems ist hierbei die Beckhoff-Diagnose-App. Sie wird den Umgang mit Maschinen im Feld nachhaltig beeinflussen und bietet Servicekräften die Möglichkeit, auf bislang nicht zugängliche Informationen zuzugreifen und so die Servicequalität zu steigern – bei gleichzeitig reduzierter Einsatzdauer. In Verbindung mit den Eigenschaften des MX-Systems kann man auf diese Weise Downtimes verkürzen und die Produktivität steigern. Die Möglichkeiten der App sind dabei noch lange nicht ausgeschöpft. So arbeiten wir aktuell an einer Lösung, die App als möglichen Access-Point für Off-Site-Techniker auszubauen. Ein weiterer Vorteil der Beckhoff-Diagnose-App gegenüber den Apps anderer Hersteller ist, dass diese Informationen auch der gesamten Maschine zur Verfügung stellen kann und nicht nur einzelnen Komponenten wie IO-Link-Teilnehmern.
Mit den vorgestellten Komponenten der Baugröße 3 erweitern Sie das Anwendungsspektrum Ihres Systems. In welche Richtung geht das?
D. Siegenbrink: Durch größer dimensionierte Gehäuse lassen sich mit der Baugröße 3 nicht nur Einspeisungen von 32 A, sondern auch bis zu 125 A realisieren und deutlich größere Lasten schalten. Ein Servoverstärker kann in Baugröße 3 pro Kanal bis zu 28 A Nennstrom liefern und ein Frequenzumrichter einen Motor mit bis zu 15 kW antreiben. Der Fokus liegt hier somit weniger auf der Integration neuer Funktionen, sondern auf der Erweiterung der Leistungsfähigkeit, was das Anwendungsspektrum des MX-Systems erheblich verbreitert. Maschinen, die große Einspeiseleistungen benötigen, konnten bislang durch den MX-System-Baukasten nur bedingt und hybrid umgesetzt werden. Die dreireihigen Baseplates können den bisher in solchen Fällen notwendigen Schaltschrank zur Energieverteilung ersetzen. Hierdurch lassen sich mehr und größere Maschinen vollständig schaltschranklos projektieren und damit wiederum die Vorteile der dezentralen Steuerungstechnik ausspielen. In der Topologie einer Maschine wird eine dreireihige Baseplate wohl immer oberhalb der bislang vorgestellten ein- und zweireihigen Baseplates zu finden sein, als zentraler Punkt in einer Mischung aus Stern- und Daisy-Chain-Topologie.
Mit Ihrem System haben Sie den Industrie 4.0 Innovation Award 2023 gewonnen. Sehen Sie das als Bestätigung, dass Sie auf dem richtigen Weg sind?
D. Siegenbrink: Sportlich gesehen ist ein erster Platz immer die Bestätigung für eine erbrachte Leistung. Zugleich ist er auch Antrieb für weitere Bestleistungen. In unserem Fall haben wir nicht nur den Industrie 4.0 Innovation Award gewonnen, wir bekommen auch durchgehend positives Feedback für die Idee, den Schaltschrank ersetzen zu können. Und weil – wie man im Fußball sagt – die Wahrheit auf dem Platz liegt, ist es eine weitere Bestätigung, aktuell die ersten Maschinen mit dem MX-System ausgestattet im Einsatz zu sehen. Award, positives Feedback und funktionierende Maschinen bestätigen den Weg und motivieren uns, weiter an einer schaltschranklosen Zukunft zu arbeiten.
Literatur
- MX-System von Beckhoff Automation: www.beckhoff.de/mx-system
