Die aktuelle Qual der Wahl

Die Kategorien der Lösungen für das Single Pair Ethernet reichen von IP20- bis zu IP6x-Steckverbindern. Die Mitglieder der Single Pair Ethernet System Alliance bieten eine große Bandbreite an verfügbaren Seckverbindervarianten an (Quelle: Single Pair Ethernet System Alliance)
Die Anwendungsbeispiele mit den genannten Nutzenpotenzialen klingen vielversprechend. Dennoch sind Anwender bislang recht verhalten, was den Einsatz der neuen Technologie anbelangt. Mag das auch daran liegen, dass es keinen einheitlichen Steckerstandard gibt? „SPE ist im industriellen Umfeld noch eine sehr junge Technologie. Zurzeit werden die ersten Infrastrukturen, Sensoren, Switches sowie die passende Connectivity realisiert“, erläutert S. Seereiner. Deshalb gäbe es aktuell noch unterschiedliche Steckverbinderstandards für den industriellen Einsatz, die in der IEC 63171 definiert worden seien. „Sie wurden aus unterschiedlichen Entwicklerperspektiven heraus geschaffen“, erklärt er allgemein und fügt mit Blick auf die innerhalb der Single Pair Ethernet System Alliance angebotene Lösung an: „Wir haben basierend auf der IEC 63171-2 das kompakteste Steckgesicht am Markt realisiert. Rund um dieses ist bislang bereits ein breites Produktportfolio in IP20-Ausführung sowie nach IEC 63171-5 in IP67-Ausführung entstanden. Und von dieser Schnittstelle konnten wir auch schon eine große Anzahl an Geräte- und Sensorherstellern überzeugen.“ Damit spielt er auf die Zahl der Mitglieder seiner Allianz an, die Stand Mitte Mai 2023 bei 57 liegt.
Auf die Frage, ob Anwender in Zukunft auf einen einheitlichen Steckerstandard hoffen können, antwortet T. Keller: „Die Nut-zerorganisationen haben diese Problematik erkannt und werden hierzu in Zukunft eine Lösung anbieten. Diese wird sich dann aller Voraussicht nach auch als globaler Standard für die Industrie etablieren.“ S. Seereiner weist zusätzlich darauf hin, dass die SPE-Steckverbinder nach IEC 63171-2 und IEC 63171-5 bereits heute in der Norm „Industrial communication networks“ (IEC 61784) für den 2-Draht-Autbus beschrieben sind. Dieser deterministische, High-Speed-Multidrop-Bus bietet auf einer Länge von 500 m die Möglichkeit, bis zu 256 Knoten mit einer Datenübertragungs-Geschwindigkeit von 100 Mbit/s anzubinden. In Summe erwarte man für sich auch deshalb gute Chancen.
Next Steps
In der Vergangenheit lag das Hauptaugenmerk der Single Pair Ethernet System Alliance auf Use Cases, Conformance Tests und Whitepapers. „Jetzt geht es darum, mithilfe von Demonstratoren und Live-Applikationen den Nutzen sowie Interoperabilitäts-Tests weiter voranzutreiben“, sagt S. Seereiner. Dazu arbeite man unter anderem mit der Smart Factory in Lemgo und dem Fraunhofer-Institut zusammen. „Gemeinsam möchten wir in einen Demonstrator, der eigentlich die Kommunikation des digitalen Zwillings veranschaulicht, entsprechende SPE-Komponenten integrieren. Denn mit der Verfügbarkeit von Sensoren, Aktoren, Switches, Leitungen und Steckverbindern lassen sich nutzenstiftende Anwendungen aufbauen, die die Digitalisierung live vor Ort zeigen“, so S. Seereiner. Im Bereich der Fabrikautomation haben sich die Alliance-Mitglieder zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 rund 50 Mio. SPEKnoten installiert zu haben.
Als Nächstes möchte die Allianz die SPE-Potenziale im Bereich der Gebäudeautomation sondieren. „Gemeinsam mit weiteren Partnern haben wir uns die Frage gestellt, wo der größte Nutzen der SPE-Technologie im Gebäudebereich liegt. Hier denken wir aktuell über eine Studie in Zusammenarbeit mit der BSRIA sowie der TIA-Spec nach“, sagt S. Seereiner. Und es geht noch weiter, wie T. Keller berichtet: „Nach und nach werden wir alle relevanten Industriezweige analysieren. Denn wir sind grundsätzlich fest davon überzeugt, dass sich die SPE-Technologie durchsetzen und vieles verändern wird.“ Und S. Seereiner fügt abschließend hinzu: „Die Idee der übergreifenden Ethernet-Kommunikation – also das Ethernet everywhere – ist nicht mehr aufzuhalten. Schauen wir uns die Herausforderungen an, vor denen wir aktuell stehen, können diese nur mittels einer vernetzten Welt gelöst werden. Und SPE stellt in diesem Zusammenhang die optimale Ergänzung zu allen etablierten Ethernet-Kommunikationsstandards dar.“