Herr Janitza, Ihr Unternehmen feiert in diesem Jahr sein 40jähriges Bestehen, Ihre Energiemesstechnik ist weltweit gefragt. Hätten Sie 1986 gedacht, dass aus den ersten Energiemessgeräten einmal ein international tätiges Unternehmen entstehen würde?
M. Janitza: Nein, auf keinen Fall. Wir waren damals ein kleiner Nischenanbieter mit unseren Produkten. Dass Janitza einmal mehr als 600 Mitarbeiter haben sollte, das hätte damals niemand ahnen können.
Es gab in 40 Jahren sicher auch Phasen, in denen wichtige Weichen gestellt werden mussten. Welche Entscheidungen waren dabei besonders entscheidend?
M. Janitza: Wir haben früh eine kleine Entwicklungsabteilung aufgebaut. Dort entwickelten wir die ersten sogenannten Energie-Control-Systeme und Blindleistungsregler und fertigten unsere Blindleistungskompensationsanlagen. Später führte der gesetzlich vorgeschriebene Austausch PCB-haltiger Clophen-Kondensatoren zu einem regelrechten Boom bei Blindleistungsanlagen. Als dieser Boom endete, brach unser Umsatz stark ein, und wir standen wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand.
Was war Ihre Strategie?
M. Janitza: Zu diesem Zeitpunkt waren wir außerdem vor allem als Zulieferer tätig und übernahmen Bestückungs- und Montagedienstleistungen für elektrische und elektronische Geräte. Wir haben uns dann rasch von diesem Zuliefergeschäft getrennt und verstärkt in die Entwicklung eigener Produkte und Lösungen investiert. Damit haben wir die Grundlage für unser späteres Wachstum gelegt. Rückblickend war genau das eine der wichtigsten Entscheidungen: auf die eigene Innovationskraft und Kreativität zu setzen.
Parallel hat sich in den letzten 40 Jahren die Energieversorgung grundlegend verändert. Wenn Sie zurückblicken: Was waren die großen Treiber des Wandels in der Branche?
M. Janitza: Das bedeutendste Thema war der Beschluss, dass wir uns in Deutschland aus Kohle und Atomenergie zurückziehen und in erneuerbare Energien investieren, die Energiewende also und die damit verbundene Dezentralisierung der Erzeuger. Hinzu kamen der Megatrend Digitalisierung sowie die regulatorischen Anforderungen zur Energieeffizienz und CO₂-Reduktion. Aufgrund all dieser Entwicklungen haben die Branchen übergreifend in neue Technologie investiert, um Energie einzusparen. Und Janitza hat hierfür kontinuierlich verlässliche und präzise Lösungen entwickelt.
Im Rahmen dieser Einsparvorgaben erleben wir eine massive Elektrifizierung, von Industrie über Rechenzentren bis hin zur Mobilität. Was bedeutet das für die Stromnetze und Infrastruktur von heute und morgen?
M. Janitza: Die Elektrifizierung in allen Bereichen führt schon jetzt zu massiven Engpässen in der Energieversorgung. Das wird mehr Auswirkungen auf die Power Quality in den Netzen haben. Ich kann mich noch erinnern, als die Industrie ihre Prozesse automatisieren wollte, Stichwort Industrie 4.0. Die Unternehmen haben die Fertigungsstraßen automatisiert und dabei zunehmend sensible Elektronik verbaut, mit der es zu Produktionsausfällen gekommen ist.
Welche Lösungen hat Janitza in dieser frühen Zeit angeboten?
M. Janitza: Wir haben beispielsweise mit dem UMG 510 das erste Messgerät für Power Quality auf den Markt gebracht. Unsere Analysen haben gezeigt, dass Phänomene wie Oberschwingungen und Spannungseinbrüche zu den Ausfällen führten. Mit diesen Daten konnten wir zusammen mit unseren Kunden und Partnern an Lösungen arbeiten. Und das tun wir bis heute.
Wird die Bedeutung der Power Quality noch weiter zunehmen?
M. Janitza: Ich denke schon. Wir können heute auch viel granularer messen und die Phänomene noch genauer identifizieren. Janitza Messgeräte erfassen bestimmte Netzereignisse im Mikrosekundenbereich. Diese Genauigkeit ist heute gefragt, zum Beispiel in KI-Rechenzentren, die anfällig sind für Störungen der Power Quality. Hier nutzen die Betreiber schon längst Live-Energiedaten, um solche Anlagen zu steuern.
Das heißt, Energiemanagement und Power Quality bedeutet mehr und mehr das Managen von hochauflösenden Daten?
M. Janitza: Absolut. Schließlich kommen heute verschiedene Dinge zusammen: verschiedenste Erzeuger wie Photovoltaik-, Wind-, oder Netzersatzanlagen, dann die unterschiedlichsten Großverbraucher wie Ladestationen, Rechenzentren und Wärmepumpen. Hinzu kommen Batteriespeicherparks. All diese Energieflüsse müssen intelligent gesteuert werden. In Bezug auf ein unterstützendes Lastmanagement, aber auch im Hinblick auf die Power Quality, von der wir gesprochen haben. Diese Messdaten werden heute direkt genutzt, um Energiesysteme dynamisch zu regeln – Energiemanagement wird damit zum Datengeschäft.
Wenn Energiemanagement zunehmend datengetrieben wird: Welche Rolle wird bei diesen Datenmengen künstliche Intelligenz in den kommenden Jahren spielen?
M. Janitza: KI wird immer besser und wird eine zentrale Rolle bei der Steuerung komplexer Energiesysteme spielen. Künftig auch in unserer eigenen Netzvisualisierungssoftware, der GridVis®. Ich denke auch, dass KI das Lastmanagement, wie wir es heute kennen, immer mehr verändern wird. Präzise Messtechnik wird dennoch eine zentrale Rolle spielen. Denn die KI kann ohne Daten nicht arbeiten.
Die vergangenen Jahre haben auch gezeigt, wie sensibel Energiemärkte und Energieversorgung auf geopolitische Entwicklungen reagieren. Welche Rolle spielt Energieeffizienz vor diesem Hintergrund?
M. Janitza: Der effiziente Umgang mit Energie ist hier zentral. Und ein Thema steht für mich vor allem im Mittelpunkt: Der effiziente Umgang mit Energie senkt die Abhängigkeit von Energieimporten. Jede eingesparte Kilowattstunde zählt. Und je autarker wir sind mit erneuerbaren Energien und je weniger abhängig von Öl und Gas, desto resilienter sind wir. Das zahlt sich wieder für uns alle aus.
Sie haben 40 Jahre lang die Geschäfte von Janitza geführt. Was sind für Sie die wichtigsten Grundzutaten, damit solch ein Unternehmen Erfolg hat?
M. Janitza: Der wichtigste Punkt ist für mich ganz klar der Kundenfokus. Damit meine ich: Wir haben immer genau verstanden, welche Probleme unsere Kunden lösen müssen. Viele unserer Produkte sind genau aus diesem Fokus entstanden. Die zweite Grundzutat ist für mich, die richtigen Menschen im Unternehmen zu haben. Nur mit ihnen kann man als Unternehmer das umsetzen, was man sich vorgenommen hat.
Janitza ist bis heute familiengeführt und investiert weiter in den Standort Lahnau. Warum ist Ihnen dieser lokale Bezug wichtig geblieben?
M. Janitza: Erst einmal ist Janitza hier entstanden, wir sind schlicht hier. Außerdem haben wir eine gute Infrastruktur vor Ort: eine gute Verkehrsanbindung, eine gute Energieversorgung und gute Beziehungen zur lokalen Gemeinde. Auch Fachkräfte sind hier zu bekommen, nicht selten durch die Nähe zu verschiedenen Hochschulen und Universitäten. Außerdem bestehen an diesem Standort noch Möglichkeiten, uns zu erweitern. Schließlich haben wir unsere Mitarbeiterzahl in den letzten fünf Jahren verfünffacht.
Gleichzeitig investiert Janitza massiv international. Wie wichtig ist die Internationalisierung für die Entwicklung von Janitza?
M. Janitza: Wir können nicht voraussagen, wie wir künftig wachsen, das hängt von unserem Erfolg ab. Mit unserer Strategie wollen wir aber bewusst resilienter werden und das Risiko auf mehr Märkte und Kunden verteilen. Dabei hilft uns die Internationalisierung enorm. Der Aufwand dafür ist groß, oft sind wir auf neuen Märkten noch unbekannt. Letztlich haben wir aber erlebt, dass diese Investition auch neue Umsatzpotenziale eröffnet und wir Janitza langfristig resilienter aufstellen.
Wie schätzen Sie die nächsten Jahre ein: Welche Entwicklungen werden die Energiebranche aus Ihrer Sicht am stärksten verändern?
M. Janitza: Die Energiebranche wird aus meiner Sicht vor allem von drei Entwicklungen geprägt: Von dem massiven Ausbau erneuerbarer Energien, der weiteren Digitalisierung der Netze und dem zunehmenden Einsatz von KI zur Steuerung komplexer Energiesysteme. Diese Trends werden viele Branchen ähnlich durchlaufen. Außerdem denke ich, dass sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage verschärfen wird, es also zu wenig Energie gibt. Das könnte noch ein großes Problem werden.
Gerade auch verursacht durch KI?
M. Janitza: Genau, hier sehe ich es kritisch. Denn gerade die Lastprofile von KI-Rechenzentren sind hochdynamisch und schwer vorhersehbar. Das ist noch weniger vorherzusagen als beispielsweise bei der ohnehin schon wetterabhängigen Solarenergie. Da sind Messdaten im Verbrauch und der Power Quality gefordert. Je volatiler die Netze werden, desto mehr muss gemessen werden. Deshalb sehe ich für Janitza die Zukunft nach wie vor positiv.