Die Dekadenstrategie

Proträt von F. Stührenberg

F. Stührenberg im Gespräch mit der openautomation-Redaktion (Quelle: Phoenix Contact)

Porträt von Frank Stührenberg

„Mittelstand ist keine Frage von Größe oder Kennziffern, sondern von Einstellung und Werten.“ (Quelle: Phoenix Contact)

Phoenix Contact legt wichtige Ziele zu Beginn einer Dekade fest. „Wir praktizieren die Methodik der Dekadenstrategie: Jeden Wechsel eines Jahrzehnts nutzen wir dann auch kommunikativ“, berichtet F. Stührenberg. „Es begann mit der Internationalisierung in den 1980er Jahren.“ Zu dieser Zeit war die Internationalisierung für einen deutschen Mittelständler noch risikobehaftet. „Das war nichts für den schnellen Erfolg“, erinnert er sich.

Gerade der Start in den USA die erste Auslandsniederlassung wurde dort 1981 eröffnet erforderte laut dem Geschäftsführer „eine lange Rampe“ und er verweist auf das notwendige Channel-Partner-Konzept. Von den Gesellschaftern des Unternehmens gab es immer Rückhalt für das langfristige Erreichen von Zielen. „Summa summarum haben wir die Internationalisierung gut genutzt“, setzt der CEO fort. „Sie bot uns den Hebel für die nächste Ebene.“

Das Thema für die folgende Dekade war die Portfolioerweiterung. Bis dato konzentrierte man sich überwiegend auf die Elektromechanik für Schaltschränke. Nun startete der Siegeszug der Elektronik. „Als ersten Schritt hatte Phoenix Contact Leiterplattensteckverbinder ins Programm genommen“, sagt der CEO. Damit wurden neue Kundengruppen angesprochen. Als herausfordernd kann der Schritt in die Automatisierung bezeichnet werden angefangen mit dem Interbus System. Mit der Gründung des Interbus Clubs Deutschland e.V. formiert sich eine Schnittstelle zwischen Anwendern und Herstellern im Bereich der Feldbus-Technologie. „Wir trafen auf ein neues Wettbewerbsumfeld,“ bestärkt das F. Stührenberg. „Und tatsächlich hat es einige Jahre gebraucht, bis wir uns im Automatisierungsumfeld und in der Netzwerktechnik maßgeblich etabliert hatten.“

Die Rahmenbedingungen und die Potenziale eines Familienunternehmens haben den erforderlichen Rückhalt gegeben. Die Frage ist, bis zu welcher Umsatzhöhe diese besonderen differenzierenden Eigenschaften bewahrt werden können. „Ab einer bestimmten Größenordnung greifen die Mechanismen eines Familienunternehmens schwerer“, weiß der CEO. „Bei unserem Umsatz von 3,6 Milliarden € werden jedenfalls positive Impulse gesetzt.“

Die 2000er-Jahre waren geprägt von einer neuen Balance verbunden mit einer konsequenten Globalisierung. „Ein Umsatz von 1 Mrd. € wurde als Zielmarke genannt“, fährt erfort. „Das Unternehmen hatte zu jener Zeit noch nicht die Größe eines Global Players, aber nicht mehr die Agilität eines absoluten Spezialisten.“ Es musste also die Entscheidung her, wohin das Unternehmen will. Die Antwort lautete: Raus aus dem Nischendasein. Es begann ein Jahrzehnt mit hohem Wachstum. Mit der Schaffung von Kompetenzzentren in den großen Tochtergesellschaften USA und China machte sich Phoenix Contact daran, der wachsenden Globalisierung und Spezialisierung von Märkten Rechnung zu tragen. Das Unternehmen geht den Schritt aus der rein familiengeführten Geschäftsführung hin zu einem Team kompetenter Manager aus den eigenen Reihen unter Leitung des geschäftsführenden Gesellschafters Klaus Eisert.

Die nächste Dekade war geprägt von der Finanzkrise, die 2008 mit den Lehman Brothers startete. Das Unternehmen hatte das strategische Ziel „Phoenix Contact is the most trusted brand in our industry“ für die Zeit bis 2020 definiert. „Im Sinne des Vertrauensaufbaus gegenüber den Kunden sollte das solide Familienunternehmen in den Fokus gestellt werden“, erinnert sich der studierte Wirtschaftswissenschaftler. „Die Kultur des Familienunternehmens ist bedeutend und schafft Stabilität.“ Auch dieses Jahrzehnt war durch ein rasantes Unternehmenswachstum gekennzeichnet.

Innovativ als Familienunternehmen

Ein Vorteil sind laut F. Stührenberg die nichtinstitutionellen Investoren oder Privatinvestoren bei einem Familienunternehmen. Die finanzielle Stabilität, die dies mit sich bringt, ist der Schlüssel zu den teils evolutionären und teils revolutionären Ansätzen des Unternehmens in Bezug auf technologische Innovationen.

„Wenn wir auf das Gründungsjahr 1923 von Phoenix Contact zurückblicken, war dies ein Jahr höchster Unruhe“, verdeutlicht der CEO. Er verweist dabei auf die hohe Inflation in jener Zeit. Und auch die heutigen Zeiten sind herausfordernd. „Wir tun alles, dass unser Unternehmen unabhängig bleibt, und sichern die Liquidität ab“, unterstreicht der CEO. Dazu gibt es bei Phoenix Contact verlässliche Rahmenbedingungen. Die Kultur des Familienunternehmens wird hochgehalten.

Eine wichtige Rolle kommt durchgehend dem Thema Innovation zu: Bereits bei Josef Eisert, der die drei Söhne Klaus, Gerd und Jörg in das Unternehmen integrierte, spielte dies eine entscheidende Rolle. Im Zuge des Unternehmertums gibt es hier zwei Richtungen: Es entsteht das „One more thing“  -ähnlich wie bei Apple- meist durch Forschung. Oder es werden vorhandene Produkte und Lösungen immer weiter optimiert. Bei Phoenix Contact ist gerade der zweite Punkt sehr ausgeprägt.

„Es ist doch überraschend, dass selbst nach 100 Jahren mit Push-X nochmal eine völlig neue Art der Anschlusstechnik entsteht“, unterstreicht F. Stührenberg. Die Push-X-Technologie ermöglicht den direkten Leiteranschluss flexibler und starrer Leiter mit oder ohne Aderendhülse. „Es geht auch hier immer noch besser“, schließt er an. Ein besonderes innovatives Detail ist die Möglichkeit, dass der Anschluss nun automatisiert realisiert werden kann. Legendär sind in diesem Zusammenhang die Konstruktionsbesprechungen für Elektromechanik, an denen Klaus Eisert bis heute mit großer Leidenschaft teilnimmt.

Mit diesen ständigen Verbesserungen wird das Portfolio des Unternehmens systematisch optimiert und ausgebaut. „Mittelständische Prägung mit unternehmerischer Unabhängigkeit in den Entscheidungen ist wichtig für die Innnovationsfreude insgesamt“, betont der CEO. Erwähnenswert ist zudem die hohe Wertschöpfung bei zahlreichen Produkten aus dem Portfolio des Unternehmens. „Mittelstand ist keine Frage von Größe oder Kennziffern, sondern von Einstellung und Werten.“

Bei Phoenix Contact gibt es eine Gemeinschaft der Eigentümer. F. Stührenberg: „Wir engagieren uns, dass die jungen Gesellschafterinnen und Gesellschafter in enger Verbindung zum Unternehmen stehen.“ Das Jubiläumsjahr 2023 wird dazu intensiv genutzt. So reisen die Gesellschafterinnen und Gesellschafter beispielsweise zu den internationalen Tochtergesellschaften und nehmen aktiv an den verschiedenen Mitarbeiten den Events teil.

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