Das 3. Schaltschrank-Festival fand am 3. September 2026 im Hugo Junkers Hangar in Mönchengladbach statt (Quelle: VDE VERLAG)

Das 3. Schaltschrank-Festival fand am 3. September 2026 im Hugo Junkers Hangar in Mönchengladbach statt (Quelle: VDE VERLAG)

Ein Flugzeughangar, fünf Show-Trucks und mehrere hundert Fachleute aus Schaltschrank-, Maschinen- und Anlagenbau: Schon die Kulisse des 3. Schaltschrank-Festivals unterschied sich deutlich von einer klassischen Fachtagung. Dahinter stand jedoch ein ernstes Anliegen. Die Initiative Schaltschrankgestalter, getragen von Eplan, Phoenix Contact, Rittal, Siemens und Wago, will Hersteller, Schaltschrankbauer und Anwender zusammenbringen und gemeinsam Lösungsansätze für die aktuellen Herausforderungen der Branche entwickeln.

Dass das Konzept angenommen wird, zeigen mehr als 500 Anmeldungen. Bereits das vorherige Festival hatte so viele Teilnehmer angezogen. Für die dritte Ausgabe wurde das Programm deshalb ausgebaut: Erstmals liefen die Fachvorträge ganztägig in drei parallelen Tracks. Die Veranstaltung verband dabei Best Practices und Fachwissen mit Mitmach-Stationen und aktuellen Lösungen in den Show-Trucks der fünf Initiatoren.

Wo steht der Schaltschrankbau wirklich?

Einen inhaltlichen Akzent setzte gleich zum Auftakt der Schaltschrankgestalter-Kompass. Robert Simla von AEM August Elektrotechnik und Bernd Schnaars von Aukos   stellten einen Zwischenstand des Projekts vor. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass der Schaltschrankbau in vielen Unternehmen noch keine durchgängige Prozesskette darstellt. Unklare Übergaben, Medienbrüche und eine hohe Abhängigkeit vom Erfahrungswissen einzelner Mitarbeiter bremsen die Abläufe.

Der Kompass soll deshalb nicht in erster Linie neue Technologien katalogisieren, sondern reale Prozesse und wiederkehrende Probleme entlang der Wertschöpfungskette analysieren. Ziel ist ein Bild davon, wie Schaltschrankbau künftig effizienter, digitaler, standardisierter und nachhaltiger organisiert werden kann. Für die fünf Hersteller der Initiative ist die Untersuchung zugleich eine Art „Voice of the Customer“: Statt Zukunftsthemen allein aus Herstellersicht zu definieren, sollen tatsächliche Anforderungen aus der Praxis einfließen. Bereits im im Umfeld des Festivals veröffentlichten etz Report 2026 wurde das Projekt als „Realitätstest“ des Schaltschrankbaus mit Impulsen und Innovationen für die weitere Entwicklung vorgestellt.

Von Fließfertigung bis digitalem Engineering

Wie unterschiedlich die Ausgangslagen in den Unternehmen sein können, zeigte das Vortragsprogramm. Andreas Lordes von Hermos Schaltanlagen berichtete beispielsweise über die Transformation von der Insel- zur Fließfertigung. Prozesssynchronisation, kürzere Durchlaufzeiten, weniger Verschwendung und höhere Effizienz standen dabei im Mittelpunkt.

Robert Simla und Florian Sontowski von Blumenbecker Automatisierungstechnik wiederum stellten unter dem Titel „Daten statt Drahtsalat?“ die Digitalisierung in den Fokus. Ihre Botschaft: Einen universellen Digitalisierungsfahrplan für den Schaltschrankbau gibt es nicht. Während Unternehmen mit Serienfertigung vor anderen Aufgaben stehen als Projektfertiger oder Sondermaschinenbauer, bleibt die durchgängige Nutzung von Daten dennoch eine zentrale Voraussetzung für effizientere Abläufe. Das Veranstaltungsprogramm spannte hier bewusst den Bogen von der Werkstatt bis ins Engineering.

Dazu passten die Beiträge von Eplan. Unter anderem ging es darum, Artikelverfügbarkeiten bereits bei der Konstruktion zu berücksichtigen und damit Beschaffungsrisiken frühzeitig sichtbar zu machen. Ein weiterer Vortrag widmete sich der Frage, wie sich die steigende Komplexität im digitalen Engineering und immer häufigere Änderungen an Projekten besser beherrschen lassen.

Automatisierung endet nicht an der Schaltschranktür

Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Automatisierung der Fertigung. Wago zeigte, wie sich Robotik modular im Schaltschrankbau einsetzen lässt. Gleichzeitig stand die Frage im Raum, an welchen Stellen Automatisierung sinnvoll ist und wo Flexibilität und Erfahrung des Menschen weiterhin den Ausschlag geben.

Denn trotz aller Digitalisierung blieb der Mensch eines der zentralen Themen des Festivals. Thomas Deutsch von Rittal, Sven Heier von Wago und Henning Rey von Phoenix Contact beschäftigten sich mit ergonomischen Verdrahtungslösungen und der Gestaltung effizienter Arbeitsplätze. Ergonomie wurde dabei nicht als Komfortthema verstanden: Bessere Arbeitsbedingungen können Abläufe beschleunigen, Fehler reduzieren und gleichzeitig die körperliche Belastung der Beschäftigten senken.

Gerade angesichts des Fachkräftemangels gewinnt dieser Punkt an Gewicht. Ein effizienter Schaltschrankbau entsteht eben nicht allein durch automatisierte Maschinen, sondern auch dadurch, dass digitale Assistenz, Werkzeuge und Arbeitsplätze den Menschen sinnvoll unterstützen.

DC, Motormanagement und Kühlung

Auch elektrotechnisch deckte das Festival ein breites Spektrum ab. Frank Scheunert von Siemens, Zefar Cankurtaran von Rittal und Tobias Lüke von Phoenix Contact diskutierten die Potenziale von DC-Netzen im Schaltschrank. Gleichstromtechnik verspricht unter anderem Vorteile bei Energieeffizienz und Energierückgewinnung und entwickelt sich damit zunehmend von einem Zukunftsthema zu einer konkreten Planungsoption.

Gerasimos Petropoulos von Siemens beleuchtete den Wandel vom klassischen Motorstarter hin zu intelligenteren Lösungen mit mehr Diagnose- und Kommunikationsmöglichkeiten. Sein Siemens-Kollege Matthias Lercher widmete sich den Anforderungen an Netzeinspeisung und Netztrennung.

Dass neue Anforderungen auch klassische Disziplinen des Schaltschrankbaus verändern, zeigte der Beitrag von Tobias Kratz und Verena Schneider von Rittal zur Schaltschrankklimatisierung. Unter dem Motto „F-Gas ready by design“ ging es darum, regulatorische Vorgaben nicht erst bei der Auswahl eines Kühlgeräts, sondern möglichst früh im Planungsprozess zu berücksichtigen.

Sicherheit und Normen bleiben Dauerbrenner

Bei aller Digitalisierung haben auch die klassischen elektrotechnischen Fragestellungen nichts an Bedeutung verloren. Jens Baumann von Phoenix Contact zeigte typische Fehler beim Überspannungsschutz und Möglichkeiten, sie zu vermeiden. Sein Kollege André Busche verglich verschiedene Anschlusstechniken unter dem Gesichtspunkt schnellerer und zugleich fehlerärmerer Verdrahtung.

Koray Baykan von UL Solutions erläuterte die Anforderungen an Planung und Umsetzung von Schaltschränken gemäß UL 508A für den nordamerikanischen Markt.

Sehr großes Interesse fanden zudem zwei Beiträge zu elektrischer Sicherheit. Hauke Abbas von Mebedo Consulting, Kooperationspartner des VDE Verlags bzw. dessen Tochterunternehmens media2business GmbH, ging dem häufig missverstandenen Thema Bestandsschutz bei elektrischen Anlagen nach und erläuterte gemeinsam mit etz-Chefredakteur Ronald Heinze die Pflichten von Betreibern bei bestehenden, geänderten und erweiterten Anlagen. Ein zweiter Vortrag widmete sich Prüfkonzepten, Verantwortlichkeiten und kritischen Schnittstellen zwischen Schaltschrankhersteller, Maschinenbauer, Installateur und Betreiber.

Technik zum Anfassen – und viel Zeit für Gespräche

Mindestens ebenso wichtig wie die Vorträge war das Geschehen außerhalb der Vortragsbereiche. Die Show-Trucks von Eplan, Phoenix Contact, Rittal, Siemens und Wago, Hands-on-Stationen sowie die Ausstellungsbereiche machten Technologien direkt erlebbar. Zusätzlich beteiligten sich unter anderem AEM, Aukos, HERMOS, UL Solutions und der VDE Verlag an der Ausstellung. Genau diese Kombination aus Fachinformation und direktem Ausprobieren gehört zum Konzept des Festivals.

Auf LinkedIn zeigt sich, dass vor allem dieser informelle Teil bei den Teilnehmern hängen geblieben ist. Inga Uerdingen von Siemens hob im Nachgang hervor, dass neben Vorträgen und Technik insbesondere der persönliche Austausch neue Blickwinkel auf die Herausforderungen der Kunden eröffnet habe. Steffen Winther von Wago berichtete ebenfalls von zahlreichen Gesprächen über Digitalisierung, Automatisierung und Effizienzsteigerung. Robert Simla fasste seinen Eindruck knapp als „Super Flair, gute Gespräche und technischer Austausch“ zusammen.

Auch Besucher außerhalb der veranstaltenden Unternehmen bewerteten diese Mischung positiv. Ralf Kempkens von Vrielmann beschrieb das Festival als Netzwerktreffen, bei dem die aktuellen Themen des Schaltschrankbaus nicht nur in den Vorträgen diskutiert, sondern durch die Show-Trucks auch praktisch erfahrbar wurden.

Vom Festival in den Alltag

Nach dem Veranstaltungstag soll der Wissenstransfer weitergehen. Die Teilnehmer erhalten Zugriff auf die Vortragsunterlagen in einem geschützten Bereich der Website. Ergänzt wird das Angebot durch die Webinarreihe und die Mediathek der Schaltschrankgestalter. Damit soll aus einem eintägigen Branchentreff ein längerfristiger Austausch entstehen.

Der Erfolg der dritten Ausgabe legt nahe, dass das Konzept einen Nerv trifft. Schaltschrankbau steht heute gleichzeitig vor der Aufgabe, Prozesse zu digitalisieren, Fertigung stärker zu automatisieren, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit zu verbessern, neue Normen und regulatorische Vorgaben umzusetzen und gleichzeitig Fachkräfte effizient einzusetzen. Keine dieser Aufgaben lässt sich isoliert lösen.

Das Schaltschrank-Festival machte genau das sichtbar: Die entscheidenden Fortschritte entstehen zunehmend zwischen den Disziplinen – und zwischen den Unternehmen. Nach über 500 Anmeldungen, 18 Vorträgen und einem vollen Hugo Junkers Hangar ist deshalb auch die nächste Ausgabe bereits im Gespräch: Ein 4. Schaltschrank-Festival 2027 erscheint nach Mönchengladbach jedenfalls alles andere als unwahrscheinlich.

 

Ronald Heinze

Ähnliche Beiträge