Datenräume machen Europa zur führenden Wirtschaftsmacht (Quelle: Freepik)
Herr Finkler, Sie machen anhand von Manufacturing-X oder Factory-X fest, dass der Weg in eine neue europäische Datenökonomie vorgezeichnet ist. Was darf man sich unter einer „neuen europäischen Datenökonomie“ vorstellen? Einen einheitlichen Markt, der einen freien Datenfluss innerhalb der Europäischen Union und über Sektoren hinweg ermöglicht, und zwar in Form von föderalen Datenräumen!?
M. Finkler: Zuerst einmal sollte man die Zielsetzungen dieser Initiativen klar herausstellen. Es geht primär um eine intelligent vernetzte Wirtschaft, deutlich mehr Daten im Wirtschaftskreislauf, eine höhere Monetarisierung der Daten, eine höhere Resilienz unserer Wirtschaft, eine verbesserte Nachhaltigkeit durch vereinfachtes Teilen von Daten und letztendlich um deutlich mehr Wettbewerbsfähigkeit durch mehr digitale Mehrwertdienste sowie digitale Geschäftsmodelle. Unterm Strich hat sich die EU 2019 unter Frau von der Leyen das Ziel gesetzt, diese zu einer führenden digitalen Wirtschaftsmacht zu entwickeln und weltweit führende Datenräume zu gestalten. Der EU Data Act legt dafür die rechtliche Basis und ist rechtlich bindend für alle Mitgliedstaaten der EU. Scharf geschaltet wird er ab September 2026.
Der EU Data Act regelt zudem die Begrenzung der weltweit dominanten Hyperscaler, wie AWS, Google und Microsoft. Europa strebt eine deutlich höhere Unabhängigkeit von außereuropäischen Plattformanbietern an, und dies ist dringender denn je erforderlich.
All diese Punkte stehen für eine neue europäische Datenökonomie auf Basis föderativer Datenräume. Die europäische Kommission hat deutlich zur Etablierung von Datenräumen aufgerufen und unterstützt die gesetzten Ziele mit Milliardenbeträgen.
Wie weit ist die Arbeit an der Initiative Factory-X, bei der rund 50 Partner aus Wirtschaft, Forschung und Verbänden einen Bild föderativen und digitalen Datenraum explizit für den Datenaustausch in der deutschen Fertigungsindustrie des Maschinen- und Anlagenbaus sowie der Elektronikindustrie aufbauen, gediehen?
M. Finkler: Proalpha und Empolis sind zwei von 47 Konsortialpartnern unter der Konsortialführung von Siemens. Die führenden deutschen Forschungsverbände, so auch Fraunhofer, sowie der VDMA und ZVEI sind ebenfalls Teilnehmer dieses zweiten Leuchtturmprojekts von Manufacturing-X. Das Förderprojekt endet voraussichtlich Ende 2026. Die Ergebnisse sind im Plan, die teilnehmenden Unternehmen, Verbände und Forschungsinstitute sind guter Dinge, dieses für Manufacturing-X zweite Leuchtturmprojekt erfolgreich abschließen zu können. Wir legen mit diesem Projekt, das unter anderem elf prototypische Use-Cases realisiert, neben Catena-X den Grundstein für alle anderen Manufacturing-X-Projekte.
Proalpha und Empolis sind mit anderen Unternehmen, wie Trumpf, DMG, Wittenstein und weiteren, im Use-Case-Projekt „Autonomous Operation as a Service“ engagiert. Dabei realisieren wir ein Umfeld, inklusive der AI-Services von Empolis, das Fabriken von außen autonom steuern und verwalten soll, auf Basis föderativer Datenräume. Gezeigt hat sich, dass dieses Geschäftsmodell, das auf dem Trumpf-Geschäftsmodell „Pay-per-Part“ basiert, auch für die Übernahme von einzelnen Fertigungsschichten – vor dem Hintergrund des Facharbeitermangels – genutzt werden kann.
Wann wird das Projekt live gehen können?
M. Finkler: Wir haben auf der Hannover Messe im April 2025 schon einige Abläufe und Funktionen zeigen können und werden diesen gesamten Use-Case prototypisch bis zum Ende des Projekts abschließen können. Wichtig ist dann, die entstandenen Softwarekomponenten, wie den universellen MX-Port zum Austausch von Daten über Datenräume, in unsere Proalpha- und Empolis-Software zu integrieren und unseren Kunden anbieten zu können. So erreichen wir eine schnelle Skalierung in den Markt. Teilweise sind auch Lösungen aus den anderen Use-Cases 1 : 1 bereits nutzbar, auf dem Weg hin zu einer intelligent vernetzten Industrie, die resilienter, nachhaltiger, unabhängiger und wettbewerbsfähiger ist als heute. Die Funktionen der besagten Datenräume müssen den Kunden ERP-Systemen und MES, nahegebracht werden, sie müssen also Zugänge in ihre Software integrieren.
Für viele Softwareunternehmen sind die X-Initiativen noch nahezu unbekannt, lediglich SAP und Proalpha haben Absichtserklärungen abgegeben. Gibt es da etwas Neues? In welchem Umfang ist dies bereits geschehen bzw. soll dies passieren?
M. Finkler: Einer der Erfolgsfaktoren der X-Initiativen ist, dass die Softwareanbieter diese neuen Technologien möglichst schnell in ihre Standardlösungen integrieren und diese ihren Kunden anbieten. Für Proalpha und Empolis heißt das, dass wir mit unserem durch Factory-X entstandenen Know-how und Lösungen unsere 10 000 Kunden zeitnah mitnehmen können in eine neue europäische bzw. weltweite Datenökonomie. Neben SAP sind wir leider momentan die einzigen namhaften Vertreter aus der Softwareindustrie und das muss sich ändern. Spätestens nach Abschluss der MX-Leuchtturmprojekte Catena-X und Factory-X, die mit der Automobilindustrie, des Maschinen- und Anlagenbaus sowie der Elektronikindustrie einen großen Bereich der Gesamtindustrie bereits abdecken, müssen auch die Softwareunternehmen und KMU via Transferprojekte wie Scale-X einbezogen werden. Dies ist eine der größten Zielsetzungen der MX-Projekte. Allerdings sind aktuell noch deutlich zu wenig Softwarehäuser integriert. Dies habe ich selbst bereits in den Verbänden Bitkom und VDMA deutlich adressiert. Hier ist auch die Politik gefordert, Änderungen herbeizuführen.
Der VDMA will seine Kommunikation zu Datenräumen, speziell zu Manufacturing-X und Factory-X, verstärken und seine fast 600 Mitgliedsunternehmen des größten VDMA-Fachverbands Software und Digitalisierung aufklären. Ist dies bereits geschehen?
M. Finkler: Ich selbst war bis November 2024 der Vorsitzende dieses größten VDMA-Fachverbands und habe dort früh die Entwicklungen in Richtung Manufacturing-X unterstützt. Gleichzeitig haben wir als VDMA diverse Informationsveranstaltungen initiiert und auch eine Organisation innerhalb des VDMA implementiert, die sich nun genau darum kümmert: viele der 600 überwiegend Softwareunternehmen und mehr als 3 000 weitere Mitgliedsunternehmen des VDMA in Richtung Manufacturing-X, föderative Datenräume, digitale Geschäftsmodelle und vieles mehr zu informieren und in der Umsetzung zu begleiten.