Interview mit Michael Finkler

Abbildung von Michael Finkler

Michael Finkler ist Geschäftsführer Business Development bei Proalpha. (Quelle: Proalpha)

Sie haben auch zu einer breiten Initiative aufgerufen, die Anbieter von relevanten Softwaresystemen frühzeitig mit auf die Reise nimmt und Lösungen von Beginn an „MF-X ready“ entwickelt. Wurden Sie erhört?

M. Finkler: Ich denke ja. Die Notwendigkeiten wurden erkannt, wenn auch noch nicht von allen Protagonisten in diesem Förder- und Projektumfeld. Die Politik hat es meines Erachtens noch zu wenig begriffen. Vieles wird nun davon abhängen, welche Ergebnisse nach Abschluss von Catena-X und Factory-X präsentiert werden und an Software vorliegen. Die anderen Projekte, wie Semiconductor-X, Robot-X oder Energy-Data-X, werden weitere Komponenten in der Folge präsentieren und den Weg in eine breite Nutzung der MX-Komponenten ebnen. Das Angebot wird zu höherer Nachfrage und diese zu weiterem Angebot führen.

Dies alles wird jedoch nicht einfach werden, da sich die Softwarehersteller und sonstige IT-Unternehmen aktuell in Transformationsprozessen befinden und hoch ausgelastet sind. So müssen viele parallel die Cloudtransformationen gestalten, während AI-Komponenten in nahezu alle Softwarebereiche integriert werden. Und als weiteres Beispiel zwingen auch die Nachhaltigkeitsziele zu verstärkten Entwicklungen, beispielsweise im Bereich Kreislaufwirtschaft sowie CO2- und Energiemanagement. Es kommt also ein Kraftakt auf die Software und IT-Dienstleistungsindustrie zu.

Der industrielle Mittelstand steht den X-Themen eher skeptisch bis ablehnend gegenüber. Haben sich mittelständische Unternehmen dahingehend geäußert, dass sie Datenräume benötigen und gerne nutzen würden?

M. Finkler: Aktuell nutze ich jede Gelegenheit, um unsere mittelständischen Kunden – insbesondere die Geschäftsführungen, Vorstände und Inhaber – über diese neuen Entwicklungen und die damit verbundenen Chancen zu informieren. Das Feedback ist durchaus positiv. Da noch wenig umgesetzt und genutzt werden kann, ist man leider noch zum Abwarten gezwungen. Aber das wird sich ändern.

In der Automobilindustrie wird es einfacher werden, die Teilnehmer des automobilen Ökosystems zu „zwingen“, diese Technologien entlang der gesamten Supply Chain (SC) zu nutzen. Dies werden vor allem die OEM und die Tier-1-Zulieferer einfordern, auch um eigene Kosten zu reduzieren und die Ziele bezüglich der Resilienz der Unternehmen und der SC sowie in puncto Nachhaltigkeit und Kostenreduktion erreichen zu können.

Im Factory-X-Bereich, also dem Maschinen- und Anlagenbau sowie der Elektronikindustrie, wird dies schwieriger werden, da wir keine derart festen Unternehmensverbände entlang der SC haben. Auch fehlt die Dominanz einiger weniger Hersteller, die Druck zur Nutzung erzeugen können. Aber wir sind optimistisch, dass wir über die Verbände, wie VDMA, ZVEI und Bitkom, die Unternehmen beraten können und darüber Relevanz und Nutzen erkannt werden. Wenn es dann noch gelingt, dass die Softwareunternehmen in Vorleistung gehen und MX-Komponenten in ihren Standardanwendungen zur Verfügung stellen, die eine einfache Nutzbarkeit ermöglichen, steht einer hohen Adoption und Skalierung in der deutschen, aber auch europäischen Wirtschaft nichts entgegen.

Übrigens gehen diese Initiativen in der Zwischenzeit deutlich über Europa hinaus, viele andere Länder schließen sich an, bis hin zu Japan, Südkorea und den USA. Auch dies war eine politische Zielsetzung und ist in den MX-Förderprojekten als Aufgabenstellung formuliert.

Der EU Data Act stärkt Nutzer von IoT-fähigen Maschinen und Geräten und gibt ihnen erstmals das Recht auf ihre Nutzungsdaten. Sie können diese Daten frei nutzen und monetarisieren sowie zur Generierung weiterer digitaler Mehrwertdienste für Ökosysteme zur Verfügung stellen. Er bildet damit das Fundament für alle X-Initiativen. Für den Maschinen- und Anlagenbau birgt der EU Data Act aber auch einiges an Sprengstoff, enthält er doch „neue und verpflichtende Vorgaben zur technischen Gestaltung von Maschinen und Anlagen und verschafft deren Nutzern ein Zugriffsrecht auf Maschinendaten“. Das wird von Herstellern mit Skepsis betrachtet, richtig?

M. Finkler: Zuerst mal ist der EU Data Act der Hebel, damit deutlich mehr Daten fließen und genutzt werden sollen. Wir drehen also den Datenhahn wie den Wasserhahn voll auf und sind nun auch in der Lage, deutlich mehr digitale Mehrwerte zu schaffen und Daten zu monetarisieren. Das sollte erkannt werden, zumal der EU Data Act verpflichtend in allen EU-Ländern bereits scharfgeschaltet ist – mit einer Übergangszeit bis September 2026.

Bereits in der Vorphase der Verabschiedung des EU Data Acts haben der VDMA und auch der ZVEI stark auf die EU-Kommission eingewirkt, um mögliche Nachteile für Hersteller von IoTfähigen Geräten und Maschinen zu reduzieren und um Geschäfts- und Produktgeheimnisse schützen zu können. Dazu hat es Nachbesserungen gegeben. Insofern sehe ich hier keine großen Einschränkungen, zumal es Möglichkeiten gibt, diese schützenswerten Daten in der Nutzung nicht entstehen zu lassen.

Der Bitkom sieht gar die Gefahr, dass eine Verpflichtung zur Nutzung von Datenräumen, wie sie der Act vorsieht, zu Datenmissbrauch führen könnte. Hat der Bitkom recht?

M. Finkler: Ich bin selbst im Bitkom Vorstand des Arbeitskreises ERP und teile diese Befürchtung nicht. Der EU Data Act und auch die entstehenden Lösungen legen gerade dort einen besonderen Fokus darauf, den Missbrauch zu verhindern. Genau dort haben die Datenräume ihre Vorteile, da von Anfang an die Zielsetzungen auf Sicherheit, Datensouveränität, Vertrauensschutz, Dezentralität und strenger Governance lagen. Dies wurde auch als Gegenentwurf – der überwiegend auch dem europäischen Verständnis von Zusammenarbeit entspricht – zu den heute dominierenden Plattformbetreibern verstanden, die weit weg sind von derart hohen Anforderungen.

Nun bemüht sich neben Gaia auch EuroStack um souveräne Räume – wird das verfolgt? Wie ist Ihre Meinung dazu?

M. Finkler: Die Sicherstellung der digitalen Souveränität Europas hat eine sehr hohe Priorität bekommen, insbesondere nach der letzten US-Wahl. Die Verletzlichkeit und Erpressbarkeit Europas ist uns allen bewusst geworden. Insofern unterstützen Gaia-X, Manufacturing-X und viele weitere X-Initiativen genau diese Forderungen aus dem EuroStack, der die digitale Souveränität Europas durch die Förderung von Innovationen, die Verringerung von Abhängigkeiten und die Stärkung aufstrebender digitaler Bereiche fördert. Dabei kommt gerade dem Aufbau einer souveränen, digitalen Infrastruktur eine besondere Bedeutung zu. Dieses Milliardenprojekt, an dem neun europäische Länder teilnehmen und das besonderes europäisches Interesse verdeutlicht, läuft übrigens bereits seit ein paar Jahren. Die Umsetzung des EuroStack wird von einem unabhängigen Governance Gremium geleitet, das über einen Zeitraum von zehn Jahren rund 300 Mrd. € zur Verfügung stellen wird.

Gaia-X, Manufacturing-X und alle anderen X-Initiativen der Wirtschaft, der Wissenschaft und des Staats werden diese Infrastrukturen außerhalb der amerikanischen und chinesischen Plattformunternehmen nutzen, um eine unabhängige, resiliente, wettbewerbsstarke und nachhaltige europäische Datenökonomie zu gewährleisten. Insofern entsteht ein komplettes Bild, das sich vielen jedoch noch unscharf präsentiert, dessen Ziele aber zweifellos richtig sind. Wir müssen gemeinsam alles daransetzen, dass wir diese Ziele erreichen und Deutschland sowie Europa zu einem führenden und resilienten Digitalplayer entwickeln. Es ist ein langer, aber alternativloser Weg, der sich lohnen wird.

Gaia-X, Manufacturing-X, Factory-X, Catena-X – Details und Hintergründe

Gaia-X wurde 2019 von Deutschland und Frankreich als eine europäische Konvention und Plattform zum Austausch von Daten ausgerufen und im Februar 2021 in Brüssel gegründet. Mittlerweile umfasst die Organisation weit über 300 Mitglieder und hat ein Ökosystem geschaffen, um Daten innerhalb eines branchenspezifischen Wertschöpfungsnetzwerks sicher, selbstbestimmt und schnell auszutauschen.

Manufacturing-X hat als führende „X-Initiative“ die Aufgabe, föderative Datenräume für den sicheren Datenaustausch zwischen Unternehmen, Organisationen und Staaten aus Europa aufzubauen. Im Rahmen dieses Vorhabens wurde Catena-X als erstes Leuchtturmprojekt im Mai 2021 speziell für die Automobilindustrie auf den Weg gebracht und als Verein eingetragen. Ein weiteres Leuchtturmprojekt ist Factory-X – beide legen den technologischen und semantischen Rahmen für alle weiteren Manufacturing-X-Projekte wie etwa Semiconductor-X. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) fördert die X-Initiativen: Für Catena-X sind 250 Mio. € an BMWK-Zuschüssen investiert worden und für das zweite Leuchtturmprojekt Factory-X innerhalb von Manufacturing-X wurden in einem ersten Schritt 2023 rund 150 Mio. € freigegeben. Die Konsortialpartner aus Industrie, Forschung und Verbänden übernehmen darüber hinaus weitere Investitionen, sodass beide Leuchtturmprojekte ein Volumen von deutlich mehr als 1 Mrd. € haben.

 

Proalpha
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