Partnerschaft mit Sick
Vor diesem Hintergrund sei auch die angestrebte strategische Partnerschaft mit Sick zu sehen. „Gemeinsam möchten wir unsere Kunden bei Zukunftsthemen, wie Klima- und Umweltschutz, Energiewende und Wasserstoffwirtschaft, noch besser unterstützen. Die Gasdurchfluss-Messgeräte von Sick helfen zum Beispiel bei der Umstellung auf emissionsarme und nicht fossile Energieträger. Und die Sick-Analysatoren ermöglichen eine zuverlässige Emissionskontrolle. Unsere Kunden erlangen so einen Wettbewerbsvorteil. Deshalb möchten wir die Sick-Prozesstechnik zu einem Teil unseres Angebots machen“, verdeutlicht er. Dazu sollen die Verkaufs- und Serviceteams des Sick-Geschäftsbereichs Prozessautomation in die Endress+Hauser-Sales-Center integriert werden. Für Produktion und Innovation der Gasdurchfluss-Messgeräte und Analysatoren von Sick soll ein Joint Venture gegründet werden. Dazu wurde im Oktober 2023 eine gemeinsame Absichtserklärung unterzeichnet. „Aus unserer Sicht ist diese Partnerschaft ein perfekter Match“, sagt Dr. P. Selders und verweist darauf, dass beides Familienunternehmen sind, die eine langfristige Perspektive anstreben und den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Außerdem stellt er heraus: „Wir haben keine Überschneidungen im Produktportfolio für die Prozessindustrie. Wir sind sicher, dass wir gemeinsam unsere Kunden noch besser bei ihren Herausforderungen unterstützen können.“ Bei den gemeinsamen Gesprächen sei man in den vergangenen Wochen und Monaten gut vorangekommen. Dr. P. Selders gibt aber auch zu: „Eine ganze Reihe von Fragen müssen noch geklärt werden. Das braucht Zeit – mehr Zeit, als wir ursprünglich gedacht hatten. Weil für uns Qualität vor Zeit geht und Fairness sowie Transparenz für die beteiligten Menschen von Anfang an wichtig waren und weil eine solide Grundlage nötig ist, um die Partnerschaft zum Erfolg zu führen, haben wir die Termine angepasst. Wir streben an, den Vertrag bis Mitte dieses Jahres zu unterzeichnen und die Partnerschaft zum Jahreswechsel wirksam werden zu lassen.“
Regionale Herausforderungen
Weiteres Wachstum und Wirtschaftlichkeit stehen natürlich auch bei dem neuen CEO ganz oben auf der To-do-Liste. Dabei werden je nach Region unterschiedliche Herausforderungen gesehen. „In Europa müssen wir neue Kunden gewinnen, weil ein Teil der Industrie abwandert. In den USA gilt es, das starke Wachstum der vergangenen Jahre abzusichern. Und in China müssen wir uns so positionieren, dass wir auch in einem weniger dynamischen Umfeld erfolgreich bleiben“, gibt der CEO einen Überblick. Er berichtet, dass die Endress+Hauser-Gruppe in den letzten drei Jahren um rund 1 Mrd. € gewachsen ist. Im Umkehrschluss würde das mehr Material, mehr Maschinen, mehr Gebäude und mehr Mitarbeiter bedeuten. „Wir haben aus- und aufgebaut, und müssen jetzt die Prozesse nachziehen und die Lieferketten darauf ausrichten. Außerdem müssen wir die zusätzlichen Kapazitäten auslasten. Dazu brauchen wir Volumen und müssen somit für Stückzahlenwachstum sorgen. Und das bedeutet wiederum, dass wir in einigen Produktsegmenten erfolgreicher werden müssen“, gibt Dr. P. Selders als einige To-dos an. Parallel würde das eigene weltweite Netzwerk weiter ausgebaut. Der Verwaltungsrat hat 24 Bauvorhaben mit einem Volumen von insgesamt über 570 Mio. € bewilligt. Ein großer Teil davon soll über die nächsten Jahre in den Ausbau der Produktion und Logistik fließen. Als die größten Projekte zählt er unter anderem die Entwicklung des Standorts Maulburg, zwei weitere Produktionsgebäude in Suzhou, den Unternehmenscampus in Jena und den Ausbau des Werks in Waldheim auf. Auf Vertriebsseite sind beispielsweise neue Gebäude in Cernay, Greenwood, Philadelphia und Mumbai im Bau.
Parallel wird das Produktportfolio weiter ausgebaut: Mehr als 70 Produkte sollen in diesem Jahr neu auf den Markt gebracht werden. „Und natürlich investieren wir kontinuierlich in die Menschen und deren Aus- und Weiterbildung. Wir wollen in den nächsten Jahren die Ausbildungsquote bei Endress+Hauser verdoppeln“, berichtet Dr. P. Selders. „An unseren Standorten in Deutschland und der Schweiz waren wir schon immer stark in der betrieblichen Ausbildung engagiert. Dieses duale Modell haben wir inzwischen auch in den USA und in Indien etabliert. Nächstes Jahr wollen wir mit einem solchen Programm in China starten. Zusätzlich erhöhen wir überall auf der Welt die Zahl der Plätze für Studierende und Praktikanten. Unser Ziel ist, fünf Prozent aller Stellen für Auszubildende, Studierende und Praktikanten zu reservieren.“
Ausblick
Eine Prognose für die wirtschaftliche Entwicklung der Endress+Hauser-Gruppe in seinem ersten Jahr als CEO zu geben, fällt Dr. P. Selders schwer. „Unser Auftragseingang hatte sich Mitte 2023 abgeschwächt – je nach Branche und Region unterschiedlich stark. Das haben wir noch nicht komplett überwunden. Wir sind zwar mit einem guten Polster an Aufträgen in das neue Jahr gestartet, und in den ersten Wochen haben sich sowohl Auftragseingang als auch der Netto-Umsatz positiver entwickelt als erwartet. Aber noch ist dieses Wachstum nicht breit abgestützt. Vieles hängt deshalb von einer möglichen konjunkturellen Erholung in der zweiten Hälfte des Jahres ab.“ Nach Jahren mit zweistelligem Wachstum rechnet er für 2024 mit einem einstelligen Plus. Als abschließende Botschaft gibt er mit: „Mein Ziel ist es, in einem Jahr dazustehen und sagen zu können: Wir haben das Beste aus den Rahmenbedingungen für Endress+Hauser herausgeholt. Wir werden alles dafür tun, um uns 2024 gut zu entwickeln – so, wie seit über 70 Jahren.“

