Interview mit Rainer Brehm

Das Industrial-Operations-X-Portfolio von Siemens bringt zunehmend IT- und Softwarefähigkeiten in die Automatisierung und baut dabei auf dem TIA-Portfolio auf.

Das Industrial-Operations-X-Portfolio von Siemens bringt zunehmend IT- und Softwarefähigkeiten in die Automatisierung und baut dabei auf dem TIA-Portfolio auf. (Quelle: Siemens)

Integriert ins TIA Portal

Integriert ins TIA Portal: Das übergreifende Motion-Konzept von Siemens macht das Zusammenspiel von Engineering, Steuerung und Antriebstechnik einfach. (Quelle: Siemens)

Sie sagten einmal: „Ohne Automatisierung keine nachhaltige Gesellschaft.“ Können Sie diese Aussage bitte näher erläutern?

R. Brehm: Mit rund 20 % hat die verarbeitende Industrie einen erheblichen Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß (Quelle: WEF). Der Druck, nachhaltiger zu produzieren, ist also enorm für Unternehmen jeder Größe. Dazu kommt in Europa die Vielzahl neuer Regularien im Rahmen des EU Green Deal. Dadurch werden Maßnahmen und Reporting zu Nachhaltigkeit in den nächsten Jahren Pflicht und beeinflussen auch das Rating am Kapitalmarkt spürbar. Aus meiner Sicht gibt es zwei Hebel, um nachhaltiger zu werden: erstens eine ressourcenschonende Produktion über die gesamte Wertschöpfungskette, und zweitens eine Kreislaufwirtschaft, die möglichst viele Stoffe wieder in die Produktion zurückgibt. Für beides ist Automatisierungstechnologie der Schlüssel. Denn die Automatisierungsebene liefert die Daten, die für die Optimierung der Produktion benötigt werden. Nur so können wir die richtigen Schlüsse ziehen – sei es im Kontext von Dekarbonisierung, beim Einsparen von Energie sowie Ressourcen oder bei Reparatur, Wiederverwertung und Recycling.

Wir haben bereits Technologien, die speziell auf eine nachhaltige Produktion ausgerichtet sind. Dazu zählt unser ganzheitliches digitales Energiemanagement-System. Es zeigt in Echtzeit den Energiekonsum, wo wir die ineffiziente Nutzung von Energie vermeiden und wie wir Energiekosten senken können. Oder unsere Software für CO2-Management Sigreen. Diese zielt auf die Berechnung des CO2-Fußabdrucks von Produkten ab. Und nutzt Zertifikate, um CO2-Daten zu verifizieren, die entlang der Lieferkette ausgetauscht werden. So entsteht Transparenz über den CO2-Verbrauch inklusive der kompletten Lieferkette, die für viele Branchen den Großteil der Emissionen ausmacht, ohne dabei sensible Prozessdaten preiszugeben. Indem Unternehmen Einblick in die CO2-Intensität ihrer Zulieferprodukte bekommen, können sie effektive Strategien zur Emissionsreduzierung gemeinsam mit ihren Lieferanten entwickeln. Best Practices hierfür finden sich beispielsweise in der Chemie bzw. in der Automobilbranche.

Noch mehr Transparenz schaffen wir nun auch mit dem Siemens EcoTech Label. Dieses basiert auf umfangreichen Daten aus der Umwelt-Produktdeklaration (EPD). Die Lebenszyklusleistung eines Produkts lässt sich damit anhand von Ökodesign-Kriterien in folgenden drei Dimensionen bewerten: nachhaltige Materialien, optimale Nutzung sowie Wertrückgewinnung und Kreislaufwirtschaft. Erste Automatisierungsprodukte mit dem digitalen Label sind beispielsweise Logo!8, Simatic HMI Unified Comfort Panels, Simatic IPC BX39A und Simatic IPC BX21A.

Bereits vorhandene Lösungen müssen wir als Industrie jetzt im großen Stil einsetzen und gleichzeitig weiterentwickeln. Denn um auf immer neue Herausforderungen reagieren zu können, muss die Produktion hochanpassungsfähig werden. Wir werden künftig zum Beispiel Produkte wie Batteriezellen automatisiert reparieren. Das bedeutet, dass Unternehmen ihre Fertigungslinien einfach umstellen können müssen. Dafür entscheidend ist, dass wir die Produktion erweitern, hin zu ganzheitlichen industriellen Betriebsabläufen – mit immer mehr IT und Softwarefähigkeiten. Damit bekommt die Automatisierung auch für eine nachhaltigere Produktion noch einmal ganz neue Möglichkeiten.

Sie nannten bereits die adaptive, autonomere Produktion. Mit Industrial Operations X bringen Sie IT und KI in die industrielle Automatisierung ein, um Ihren Kunden dieses Ziel zu ermöglichen. Diesen integrativen Weg beschreiten einige Anbieter. Was sind die Besonderheiten Ihres Ansatzes?

R. Brehm: Zu unseren Besonderheiten zählt, dass wir auf unserem TIA-Portfolio aufsetzen, es aber in eine neue Dimension erweitern. Mit einem umfassenden Portfolio von Hardware und Software, einem Ökosystem aus Produkten von Siemens und von anderen führenden Anbietern machen wir die Digitalisierung der Industrie einfach:

  • Beispielsweise bietet unser Industrial-Edge-System, als eine Art Smartphone der Industrie, die einfache Integration von IT, künstlicher Intelligenz und weiteren Softwarefunktionen in die Automatisierung, also direkt an die Maschine, und damit eine stark erweiterte Kommunikations- und Integrationsfähigkeit. Damit ist es möglich, die Daten aller Geräte der Produktionsebene, egal welchen Herstellers, direkt und in Echtzeit zu nutzen, um Produktionsprozesse zu optimieren.
  • Mit unserer neuen virtuellen PLC Simatic S71500V schaffen wir die Basis für eine softwaredefinierte Automation und die Entkopplung von Hard- und Software.
  • Produkte wie der Industrial Information Hub (IIH) für das Daten- und Asset-Management ermöglichen eine datengetriebene Produktion. Mithilfe von semantischen Modellen können Produktionsdaten aus dem gesamten Unternehmen erfasst werden. Damit sind völlig neue Optimierungsszenarien möglich sowie eine Automatisierung und Integration von allen Elementen der Produktion weit über den heutigen Umfang in der Automatisierung hinaus.

Im Einsatz bei unseren Kunden hat Industrial Operations X schon bewiesen, welche erheblichen Vorteile es bietet. Beispielsweise können wir in einer bestehenden Endmontage eines führenden Automobilherstellers durch den Einsatz von Industrial Edge, IIH und unseren Analytikapplikationen den Output über eine Cycle-Time-Analyse um mehr als 10 % steigern – eine erhebliche Produktivität mit minimalem Investment auf Basis eigentlich bereits existierender Daten.

Und das ist erst der Anfang. Mit der Vernetzung der verschiedenen digitalen Zwillinge in einem Unternehmen zu einem konsistenten Modell werden wir die vollen Vorteile einer datengetriebenen Produktion ermöglichen und das Industrial Metaverse Realität werden lassen.

Auch der Einsatz von softwaredefinierter Automation bringt jetzt schon erhebliche Skalierungsvorteile. Die Kombination verschiedener Funktionen auf einem Gerät, wie unsere virtuelle PLC S71500V, WinCC Unified und Industrial Edge, ermöglichen kostenoptimierte Lösungen – vor allem auch mit einem reduzierten Aufwand durch ein automatisches Management von Hard sowie Software und damit eine bessere Total-Cost-of-Ownership.

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