Interview mit Rainer Brehm
Machine Vision und AI gelten schon für sich genommen als Erfolgsduo. Weiter in die Automatisierungstechnik integriert, vervielfältigen sich die Nutzenpotenziale. Siemens beschreitet diesen Weg über Partnerschaften. Bitte zeigen Sie – gern anhand eines Beispiels – den sich daraus für Kunden ableitenden Nutzen auf.
R. Brehm: Machine Vision ist von großer Bedeutung für viele Anwendungen. Bisher war die Integration in die Automatisierung aber aufwendig und erforderte Spezial-Know-how. Um das jetzt einfacher zu gestalten, arbeiten wir mit Branchenführern der maschinellen und industriellen Bildverarbeitung, wie Basler und MVtec, zusammen. Indem wir unsere jeweiligen Stärken, Portfolios und Erfahrung kombinieren, können wir Plug-and-play-Lösungen für die maschinelle Bildverarbeitung anbieten – ein passendes Portfolio aus Automatisierungs- und Bildverarbeitungskomponenten, bestehend aus Hard- und Software. Ein solch integriertes Portfolio hilft unseren Kunden bei vielen Aufgabenstellungen, zum Beispiel wenn es um Qualitätskontrollen geht oder darum, Fehler und damit Ausschuss in der industriellen Produktion zu verringern oder auf den Fachkräftemangel zu reagieren. Das ist unter anderem in der Intralogistik oder in Warenlagern von großer Relevanz.
Apropos Fachkräftemangel – rund um diesen ist Einfachheit ein gern genanntes Schlagwort. Können Sie zwei Beispiele nennen, wie Siemens das Thema in seinem Portfolio umsetzt?
R. Brehm: Auf der letzten SPS-Messe haben wir das Motto „einfach automatisieren“ ausgerufen. Das hat zwei Facetten: Zum einen ist es an der Zeit, Automatisierung jetzt konsequent zu implementieren. Zum anderen machen wir die Nutzung einfach. Dazu haben wir einige Technologien auf der Messe vorgestellt: Mit der neuen Version 19 des TIA Portals reagieren wir auf Motion-Prozesse, die immer komplexer werden, weil es eine immer größere Produktvarianz gibt oder weil die Abläufe in der Produktion immer flexibler werden müssen. Früher war für das Engineering komplexer Bewegungen tiefgreifendes Knowhow nötig. Mit dem TIA Portal sind Engineering, Steuerung und Antrieb für Motion-Prozesse so einfach wie nie, denn all diese Kernfunktionen sind in das TIA Portal integriert – von der einzelnen Achse bis zur komplexen Kinematik. Unsere neue Software Simatic Motion Interpreter, integriert in die Version 19 des TIA Portals, ermöglicht dabei ein einfaches und intuitives Programmieren ohne Spezialkenntnisse, mittels grafischer Oberflächen und einfach lesbarem Code. Anwender können Bewegungsabläufe einfach sequenziell beschreiben und der Simatic Motion Interpreter übernimmt die Programmierung des Bewegungsauftrags. Das hilft unseren Kunden sehr im Hinblick auf den Fachkräftemangel. Außerdem sind Änderungen ohne Eingriff in das SPS-Anwenderprogramm möglich.
„Einfach automatisieren“ lässt sich auch mit Mendix on Edge. Denn damit können unsere Kunden mittels Low-Code-Programmierung schneller modulare, passgenaue Apps für die OT-Welt entwickeln, um beispielsweise Performance zu messen und Daten weiterzuverarbeiten. Die Apps können sie dann über Industrial Edge auf dem Shopfloor ausführen.
GenAI verspricht ebenfalls vielfältige Vereinfachungspotenziale. Wo sehen Sie den größten Nutzen von generativer KI?
R. Brehm: Den größten Nutzen von KI generell sehen wir darin, dass wir mit dieser Technologie auch flexibler automatisieren können. Denn aktuell automatisieren wir vor allem hochrepetitive und vorhersehbare Dinge. Wir werden künftig aber auch komplett Neues automatisieren, auch für kleine Stückzahlen bis hin zur Losgröße 1. Dazu brauchen wir KI.
Generative KI eröffnet hier noch mal weitere Potenziale für eine breitere Anwendergruppe, beispielsweise kann man mithilfe von natürlicher Sprache Code erzeugen. Darüber hinaus gibt es viele Anwendungsgebiete von GenAI in anderen Gebieten eines Unternehmens, wie im Vertrieb oder im Marketing, bei der Beantwortung von Kundenfragen oder der virtuellen Präsentation von Produkten in digitalen Showrooms.
Das volle Potenzial hat sich hier sicher noch gar nicht gezeigt. Wir bei Siemens testen bereits seit einiger Zeit das Potenzial von generativer KI für die Fabrikautomatisierung: Wir erproben erste Anwendungen in eigenen Werken in Erlangen und Amberg und entwickeln hier schon vielfältige Anwendungsfälle, auch zusammen mit Kunden. Erstmalig haben wir auf der SPS 2023 einen Anwendungsfall mit einem unserer Pilotkunden im Einsatz gezeigt: unseren KI-basierten digitalen Assistenten, den Industrial Copilot. Auf der Hannover Messe werden wir auch wieder neueste Entwicklungen vorstellen.
Wie profitiert der Kunde von Ihrem Industrial Copilot?
R. Brehm: Mit dem Industrial Copilot, dem GenAI-gestützten Assistenten, möchten wir Menschen zukünftig in die Lage versetzen, Prozesse zu optimieren und zu beschleunigen sowie die Produktivität zu steigern. Das beginnt bei der Konstruktion eines Produkts oder einer Maschine und reicht bis hin zu Planung, Engineering, Betrieb sowie Service. Der Industrial Copilot soll zukünftig beispielsweise dabei unterstützen, Engineering- und Operations-Prozesse zu optimieren und damit Automatisierungsingenieuren und Fabrikmitarbeitern diese Arbeiten erleichtern. Der Zeitaufwand für Fachkräfte reduziert sich und die Fehlerwahrscheinlichkeit lässt sich minimieren.
Den Anwendungsfall im Engineering haben wir mit unserem Demonstrator auf der Hannover Messe vor einem Jahr gezeigt, und zwar, wie generative KI das Coding vereinfachen kann, indem SPS Codes durch natürliche Spracheingabe generiert werden. Auf der SPS im November sind wir dann einen Schritt weiter gegangen: hin zur Schrittkettenprogrammierung. Ein ganz wichtiger Punkt auch hier wieder: Für den Anwender muss es einfach bleiben.
Unser neuester Ansatz ist es, LLM-Technologie neben der Engineering- auch in der Operations-Phase zu nutzen, also im laufenden Betrieb. Damit schaffen wir Analysemechanismen, die vorher entworfene Lösungen prüfen und bewerten. KI in dieser Art und Weise bei der Fehlersuche und Optimierung einzusetzen, öffnet aus unserer Sicht noch mal ganz neue Möglichkeiten. KI-Tools werden Wartungsteams zur Seite stehen, um Fehler zu identifizieren und Schritt für Schritt Lösungen schneller bereitzustellen.

