Standards machen aus Daten eine Prozesskette

Jan Fleming erklärt auf der Eplan Next26 in München: „Eplan versteht sich als Bindeglied zwischen den verschiedenen Playern in der Industrie – vom Komponentenhersteller über Maschinen- und Anlagenbauer bis zum Betreiber.“ (Bild links) (Quelle: Eplan)

Auf dem Panel „Connected Industry“ wurde bereits in Aussicht gestellt, dass Eplan eine Lösung unter Nutzung der Verwaltungsschale plant. Diese wird in Zusammenarbeit mit Phoenix Contact zur SPS vorgestellt. (Bild rechts) (Quelle: Eplan)
Wie das aussehen kann, zeigt Eplan Smart Sourcing, das auf der Next26 ebenfalls Premiere feierte. Die Lösung verbindet Elektrokonstruktion und Beschaffung: Bereits während der Planung lässt sich prüfen, ob benötigte Komponenten bei angebundenen Herstellern und Distributoren verfügbar sind und welche Lieferzeiten gelten. Kritische Teile können früher ersetzt, qualifizierte Stücklisten an den Einkauf übergeben werden. „Smart Sourcing ist für uns ein gutes Beispiel dafür, wie wir eine Lücke im End-to-End-Prozess schließen“, sagt J. Fleming. „Eine technische Entscheidung im Engineering bekommt damit unmittelbar einen Bezug zur realen Verfügbarkeit in der Lieferkette."
Solche Verbindungen funktionieren allerdings nur, wenn die beteiligten Systeme dieselbe Sprache sprechen. Deshalb rücken offene Standards in der Eplan-Strategie weit nach vorn. „KI ist ohne saubere, standardisierte Daten als Fundament nicht viel wert“, bringt J. Fleming es auf den Punkt. Die Asset Administration Shell, kurz AAS oder Verwaltungsschale, soll Informationen herstellerunabhängig strukturiert transportierbar machen; Eclass Advanced liefert dabei eine wichtige semantische Grundlage. Die IDTA definierte mit der AAS die Struktur, Schnittstellen und Semantik für einen standardisierten digitalen Zwilling.
Für Eplan ist das nicht nur ein Standardisierungsthema. Im Data Portal stehen aktuell mehr als vier Millionen statische und konfigurierbare Artikeldaten von über 550 Herstellern zur Verfügung. Werden solche Daten standardisiert bereitgestellt, lassen sie sich nicht nur im Schaltplan nutzen, sondern über weitere Prozessschritte hinweg wiederverwenden und automatisiert verarbeiten. „Aus Daten wird erst dann ein echter Produktivitätshebel, wenn sie eindeutig sind und sich ohne Übersetzungsarbeit weiterverwenden lassen“, hebt J. Fleming hervor. Cloud, KI und AAS sind aus seiner Sicht deshalb keine getrennten Technologietrends, sondern Bausteine derselben End-to-End-Architektur.
Dass die Verwaltungsschale schon seit Jahren diskutiert wird, verschweigt J. Fleming nicht. Gerade in Deutschland werde viel konzipiert und wissenschaftlich zu Ende gedacht, die pragmatische Umsetzung in marktfähige Lösungen gelinge aber nicht immer schnell genug. Diesmal sieht er hier die Chance auf die nötige kritische Masse. „Das reine Bekenntnis zu einem Standard wird uns nicht weiterhelfen. Die entscheidende Frage ist, ob wir daraus Lösungen schaffen, die für Anwender einfach nutzbar sind.“ Große Industrieunternehmen müssten sich nicht nur zur AAS bekennen, sondern reale Anwendungen aufbauen.
Wenn die Änderung den Anwender selbst findet
Wie konkret das werden kann, zeigt die Product Change Notification, kurz PCN. Das Problem beschreibt J. Fleming aus Sicht eines Komponentenherstellers: „Ein Gerät wird an den Schaltschrankbauer geliefert, der Schaltschrank wandert in eine Maschine und diese schließlich zum Betreiber. Wie erreiche ich als Komponentenhersteller am Ende den Nutzer meines Geräts, wenn ich gar nicht weiß, wo es verbaut wurde?“ Datentechnisch lasse sich diese Kette über Verwaltungsschale und Eplan-Projekte schließen.
Eplan und Phoenix Contact haben dafür einen AAS-basierten Use Case entwickelt. Ändert ein Hersteller eine Komponente, kündigt sie ab oder stellt etwa ein sicherheitsrelevantes Update bereit, kann die Information strukturiert übermittelt und im Eplan Data Portal verarbeitet werden. Der Konstrukteur erhält einen Hinweis und kann erkennen, in welchen Projekten oder Bestandsanlagen der betroffene Artikel vorkommt. „Genau an solchen Anwendungen entscheidet sich, ob ein Standard echten Wert schafft“, ist J. Fleming überzeugt. „Die Information soll nicht irgendwo liegen – sie muss automatisch dort ankommen, wo sie eine Entscheidung auslöst.“ „Auf der SPS präsentieren wir gemeinsam mit Phoenix Contact die neue Lösung zum Thema Product Change Notification (PCN). Hier zeigen wir gemeinsam, dass wir in Deutschland aus einer richtig guten Idee auch eine pragmatische Lösung im Markt etablieren können“, schließt J. Fleming an.
Damit verändert sich auch die Rolle von Eplan. Aus dem Anbieter einer Engineering-Plattform wird zunehmend ein Akteur in einem digitalen Ökosystem, das Komponentenhersteller, Maschinen- und Anlagenbauer, Schaltschrankbauer, Distributoren und Betreiber miteinander verbindet. Entscheidend ist dabei nicht allein, welche Funktionen die Software bietet, sondern ob Daten über Unternehmens- und Prozessgrenzen hinweg nutzbar bleiben.
Eplan Next27 als Proofpoint
Und genau hier schließt sich der Kreis zur Eplan Next. Bereits im Mai auf der Eplan Next26 wurde im Panel „Connected Industry” das Versprechen für die Entwicklung konkreter Lösungen unter Nutzung der Verwaltungsschale abgegeben. Die SPS markiert den nächsten Meilenstein – dort wird das Versprechen durch Eplan und Phoenix Contact eingelöst mit einer ersten Lösung. Und für den 9. und 10. Juni 2027 ist die nächste Eplan Next in Köln angekündigt. J. Fleming stellt nicht nur weitere Produktneuheiten und einen noch größeren Auftritt in Aussicht, sondern vor allem sichtbare Fortschritte bei den datengetriebenen Themen. „Die Eplan Next27 wird für uns ein Proofpoint“, sagt er. „Haben wir bei AAS und den End-to-End-Prozessen wesentliche Schritte gemacht – oder stehen wir ein Jahr später noch da und sagen, wir müssten mal?“
Für J. Fleming laufen dabei zwei Entwicklungslinien zusammen: Auf der einen Seite sollen KI, Automatisierung und bessere Bedienbarkeit den Anwender zum „bestmöglichen Ingenieur“ machen. Auf der anderen Seite sollen standardisierte Daten und offene Schnittstellen die Prozesskette über Unternehmensgrenzen hinweg schließen. Autonomes Engineering wäre dann nicht der Ausgangspunkt, sondern die Konsequenz einer sauber aufgebauten Daten- und Prozessarchitektur. Oder, wie J. Fleming es zusammenfasst: „Erst wenn die Daten durchgängig sind, können wir auch die künstliche Intelligenz wirklich durchgängig nutzen.“
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