Ethik, Moral, Sittlichkeit und Automation
Bevor eine Grundsatzdiskussion über Ethik und Automatisierung losgebrochen werden kann, gilt es zunächst einmal, ein einheitliches Begriffsverständnis zu schaffen. Ferner sollte eine Abgrenzung zu ethikverwandten Begriffen, wie Moral und Sittlichkeit, stattfinden.
„Ethik ist nichts anderes als eine wissenschaftliche Disziplin, mit der wir alles, was wir tun, bewerten. Es ist ,praktische Philosophie’, da sie sich mit dem menschlichen Handeln befasst“, erklärt D. Schaudel. „Wir bewerten vor dem Hintergrund hoher Güter, die wir für schützenswert halten.“ Auf den Punkt gebracht, sei Ethik die Lehre von Gut und Böse. Dabei gelte Aristoteles als der Begründer des Begriffs. „Nebenbei bemerkt: Was ,Gut’ ist, und was ,Böse’, das ist stark abhängig von der jeweiligen Kultur und Tradition, dem Pluralismus der Weltanschauungen“, gibt der Ex-Manager zu bedenken. Als Schlussfolgerung daraus zieht er: „Für multinationale Unternehmen kann es ,die’ Ethik nicht geben.“
Wie definiert sich daneben nun der Begriff Moral? „Unter Moral ist der Katalog zu verstehen, den eine Gesellschaft aufstellt, um die Mitglieder dieser Gesellschaft dazu zu bringen, sich sozial verträglich zu verhalten. Es ist also ein Normenkatalog, der ,richtiges Handeln’ beschreibt“, bringt es der Consultant auf den Punkt, stellt aber heraus: „Aber eben nicht ein Normenkatalog, sondern einer für jede Gesellschaft oder jede Kultur.“ Auf den Punkt gebracht, vereint für ihn Moral die faktisch herrschende Norm und die faktisch geltenden Werte. Er gibt zu bedenken: „Es hat aber auch jede Räuberbande eine Moral.“
Was den Begriff der Sittlichkeit anbelangt, umschreibt er diesen als die Fähigkeit und Bereitschaft eines Menschen, seine Handlungen nach hohen, zu schützenden Gütern auszurichten und diese Taten auch zu verantworten – soweit die Folgen für ihn überschaubar sind.
Neben diesen schöngeistigen Begriffen wirkt der der Automation bzw. Automatisierung nüchtern. Wikipedia formuliert sachlich: „Automatisierung ist die mithilfe von Maschinen realisierte Übertragung von Arbeit vom Menschen auf Automaten, üblicherweise durch technischen Fortschritt.“ Auch an vielen anderen Stellen ist eine Definition dieses Begriffs nachzulesen. D. Schaudel kritisiert jedoch: „Ich finde es schon bemerkenswert, dass weder beim ZVEI noch bei der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik noch beim VDMA auf den jeweiligen Webseiten erläutert wird, was Automatisierung oder Automation überhaupt ist.“ Weiter sagt er: „Ich werde auch nicht vorschlagen oder gar fordern, dass der ZVEI-Fachverband Automation einen Ethik-Kodex für die Automatisierung erarbeiten soll.“ Davon gibt es nämlich bereits einige, wie er im Folgenden darlegt.
Die Sache mit den unbekannten Ehrenkodizes
„Die Meisten kennen wahrscheinlich den alten Spruch: Wenn man von einer Sache nichts versteht, dann hält man darüber einen Vortrag oder schreibt ein Buch. Oder: man wird Consultant“, so D. Schaudel selbstironisch. Speziell zum Thema Ethik gäbe es eine schier unendliche Zahl an Literatur. Als Rechercheergebnisse in Google nennt er:
* „Ethik“: 5 400 000 Ergebnisse,
* „Ethic“: 78 000 000 Treffer,
* „Ethik + Automatisierung“: 308 000 Ergebnisse, davon 425, bei denen das Stichwort „ZVEI“ mit auftaucht (etwas über 1 Promille),
* „Ethik + Automation“: 131 000 Treffer, davon 243 mit „ZVEI“ (2 Promille).
Zum Thema Ethik-Kodex fügt er an: „Ich habe zur Kenntnis nehmen müssen, dass es auf der Welt derzeit über 100 sogenannte Ehrenkodizes für Naturwissenschaftler, Mediziner und Ingenieure gibt. Manche sind auf wenigen Seiten kurz und knackig zusammengefasst, andere auf über 200 Seiten schlicht unlesbar niedergeschrieben.“ In diesem Zusammenhang nennt er drei Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum. Dazu zählt als erstes die „Bekenntnis des Ingenieurs VDI 1950“. Das zweite Beispiel kommt von der SATW (Schweizerische Akademie der Technischen Wissenschaften) und ist überschrieben mit „Ethik im technischen Handeln“. Es soll bei der „Wahrnehmung persönlicher Verantwortung in technischen Berufen“ helfen. Beispiel drei „VDI: Ethische Grundsätze des Ingenieurberufs, Stand März 2002“ ist aktuell gültig. D. Schaudel gibt ehrlich zu: „Bis dato kannte ich keinen dieser Ehrenkodizes.“ Er verweist darauf, dass sie alle inhaltlich korrekt seien. Deshalb liegen für ihn die Fragen nahe: Warum arbeiten wir nicht damit in unseren Firmen? Warum gehört es nicht zum Pflichtprogramm bei den Einführungsveranstaltungen für junge Ingenieure, Physiker, Chemiker und Techniker, die neu bei uns in den Betrieben anfangen? „Ein neuer Kodex für ethische Grundsätze der Automatisierungstechnik muss nicht erfunden werden. Es gibt derzeit offenbar über 100 davon auf der Welt“, stellt er heraus.
Diese Kodizes, Grundsätze und Bekenntnisse gingen jeden technisch handelnden Menschen individuell an: Was soll, was darf, was muss er tun, was nicht. „Im Sinn unserer zuvor gefundenen Begriffsdefinition sind es Moralregeln. Es ist die persönliche Ethik angesprochen. Sie hat ohne Zweifel mehr Facetten als die dargelegten Regeln für Naturwissenschaftler, Ingenieure und Mediziner“, so der ehemalige Manager. Er weist aber auch auf die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit dem ethischen Handeln hin: „Unsere Mitarbeiter in unseren Unternehmen können ethisch handeln wollen, wie sie es gelernt haben, zum Beispiel über das angesprochene ,Ethikum’. Wenn aber das, was sie wollen und tun, nicht im Einklang ist mit der Ethik ihres Unternehmens, ihres Konzernbereichs, ihrer Abteilung, haben sie ein Problem. Das gilt für Korruption genauso wie für wissentlich falsche Spezifikationen von Geräten und Systemen, für Falschberatung des Kunden, für Industriespionage, für Führen nach Gutsherrenart – wobei in einigen dieser Fällen ja immerhin noch das Strafrecht zieht.“
