Technikabschätzung: Mit einem Vorurteil aufgeräumt
Besonders problematisch wird es seiner Ansicht nach dann, wenn es um neue Technologien, neue Verfahren, neue Vorgehensweisen geht, bei denen die Folgen für Mensch und Umwelt nicht oder nur ungefähr abschätzbar sind. So gilt nach VDI 3870 (Technikbewertung): Das Ziel allen technischen Handels soll es sein, die menschlichen Lebensmöglichkeiten durch Entwicklung und sinnvolle Anwendung technischer Mittel zu sichern und zu verbessern. … Darüber hinaus gilt es, einen möglichst sinnvollen Gebrauch von den stets nur in begrenztem Umfang vorhandenen Ressourcen … zu machen. … Funktionsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit werden jedoch nicht um ihrer selbst willen erstrebt. Technische Systeme werden hergestellt und benutzt, um menschliche Handlungsspielräume zu erweitern. Sie stehen im Dienste außertechnischer und außerwirtschaftlicher Ziele.
Es geht also um Technikbewertung. Und zwar nicht nur um die Produkte, Verfahren oder Systeme, sondern auch um die Bedingungen und Folgen ihrer Verwendung. Die Richtlinie schlägt als Vorgehensweise vor, zunächst den Stand der Technik zu analysieren, dann die Folgen dieser Technik und möglicher Alternativen abzuschätzen, anschließend die Folgen zu beurteilen und daraus Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten abzuleiten.
„Wem ist aber die VDI-Richtlinie 3780 überhaupt bekannt? In welchem Mitgliedsunternehmen des ZVEI wird sie systematisch herangezogen, wenn es um die Bewertung neuer Technologien geht?“, stellt sich für D. Schaudel die Frage. Er gibt ehrlich zu: „Ich räume ein, dass ich selbst diese Richtlinie bis vor wenigen Monaten nicht wirklich gekannt habe. Ich hatte ,Technikbewertung’ und ,Technikfolgenabschätzung’ in einen Topf geworfen. Und da war Letztgenanntes bisher – es lebe das Vorurteil – eine institutionalisierte Beschäftigungsagentur für politisierende arbeitslose Akademiker und Feigenblatt für technikfeindliche oder technikinkompetente Politiker.“ Er räumt ein: „Ich weiß heute, diese Meinung war zumindest zum Teil falsch: Technologiefolgenabschätzung, TA, hat nur bedingt etwas zu tun mit der Technikbewertung, wie sie diese Richtlinie empfiehlt, und Technikbewertung ist wichtig.“
Als Werte im technischen Handeln nach VDI 3780 zählt er auf:
- Funktionsfähigkeit (Brauchbarkeit, Machbarkeit, Wirksamkeit, Perfektion, Effizienz, …),
- Wirtschaftlichkeit, einzelwirtschaftlich, (Kostenminimierung, Rentabilität, Unternehmenssicherung, Unternehmenswachstum, …),
- Wohlstand, gesamtwirtschaftlich, (Bedarfsdeckung, Wachstum, internationale Konkurrenzfähigkeit, Vollbeschäftigung, Verteilungsgerechtigkeit, …),
- Sicherheit (körperliche Unversehrtheit, Lebenserhaltung, Betriebsrisiko, Versagensrisiko, Missbrauchsrisiko, …),
- Gesundheit (körperliches Wohlbefinden, psychisches Wohlbefinden, Lebenserwartung, gesundheitliche Belastungen, …),
- Umweltqualität (Landschaftsschutz, Artenschutz, Ressourcenschonung, Immissionen, Emissionen, …),
- Persönlichkeitsentfaltung und Gesellschaftsqualität (Handlungsfreiheit, Kreativität, Informations- und Meinungsfreiheit, informationelle Selbstbestimmung, soziale Kontakte und Anerkennung, Transparenz und Öffentlichkeit, Gerechtigkeit, …) sowie
- deren Beziehungen untereinander. Hier gibt es Abhängigkeitsbeziehungen und Konkurrenzbeziehungen.
„Nachdem ich mir diese Richtlinie nun sehr genau angeschaut habe, bin ich zur Überzeugung gelangt, dass sie – natürlich in angepasster Form – in jedem Unternehmen – und besonders in einem Unternehmen der Automatisierungstechnik – angewendet werden sollte, nein: muss“, lautet seine Schlussfolgerung. „Denn so idealistisch und glänzend, wie wir die Automatisierungstechnik üblicherweise darstellen, ist sie ja nicht immer“, schränkt er ein. Als ein Beispiel von vielen nennt er das VDI/VDE-GMA-Strategiepapier „Automatisierungstechnik 2010“, das aussagt: Der Mensch braucht die Automatisierungstechnik. Darin heißt es ferner: Automatisierungstechnik dient dem Menschen. „Das ist eine sehr apodiktische Feststellung, denn sie besagt ohne Wenn und Aber: Automatisierung ist ethisch“, kommentiert der ethisch denkende Consultant. Er zitiert weiter aus dem Strategiepapier: „Sie ermöglicht
- eine Verbesserung der Produktqualität,
- eine Erhöhung der Produktivität,
- eine größere Zuverlässigkeit und Sicherheit,
- eine bessere Nutzung der vorhandenen Ressourcen und
- eine Schonung der Umwelt sowie
- eine Humanisierung der Arbeit und
- eine Erhöhung der Lebensqualität.“
Das Resümee lautet: „Sie leistet damit einen wesentlichen Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung.“
D. Schaudel stellt diese Aussagen nicht in Frage, sondern weist darauf hin, dass sie nicht vollständig seien. Zur Verdeutlichung zieht er eine Veröffentlichung im „Stern“ im Frühjahr dieses Jahres zum Thema „Roboter im Kriegseinsatz“ heran. Hier wurden Roboter als ultimative Vision von Militärstrategen gesehen. Die These dabei lautet, dass es bei Robotern mit eingebautem Ethik-Programm gar nicht erst zu Kriegsverbrechen käme. Der „Stern“ kommentierte, dass dieser Wunsch Politikwissenschaftlern, Ethikern und Philosophen Kopfzerbrechen bereite. „Hier wird die Arbeit des Tötens von Menschen auf eine Maschine, den Roboter, übertragen“, so D. Schaudel und erinnert in diesem Zusammenhang noch einmal an die Wikipedia-Definition für Automatisierung. „Ich weiß, dass viele Menschen es überhaupt nicht schätzen, auch daran erinnert zu werden, dass nun mal der ,Krieg der Vater aller Dinge’ war und ein Stück weit immer noch ist; dass gerade die Automatisierungstechnik in der Geschichte bis heute sozusagen ,kriegsentscheidend’ war und ist“, macht er deutlich. Er verweist aber auch darauf, dass eine Vielzahl an Unternehmen es explizit ablehnen würden, Militärtechnik zu entwickeln, herzustellen oder zu vertreiben.
Seiner Meinung nach ist institutionalisierte Technikbewertung nach VDI 3780 sehr gut geeignet, im Unternehmen sichtbar zu machen, dass man es mit einer solchen Doktrin auch erst meine. „Sie sollte integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie sein“, ruft er deshalb auf und verdeutlicht: „Wir bemühen uns um ,die besten Köpfe’ für unsere Unternehmen. Genau diese sind auf dieses Thema sehr sensibilisiert und wollen überzeugende Antworten von ,ihrem’ Unternehmen.“ Abschließend reiht er das Thema Technikbewertung in den Bereich der Unternehmensethik, der „Ethik der Strategie“, ein.
Die Ethik des Kapitalismus
Im Folgenden geht er quasi eine Etage höher, zur „Ethik des Kapitalismus“. D. Schaudel: „Hierzu will ich auch nur einen Aspekt ansprechen: den der Arbeitsplätze.“ Denn ganz so einfach sei es dann doch nicht. „Mit Kodizes und Technikbewertung ist das Thema Ethik in der Wirtschaft noch nicht aus der Welt“, sagt er weiter. So sei es nicht nur der „Stern“, der öffentlich gegen Roboter, Elektrosmog, Kernkraftwerke und sonstige neue Technologien öffentlich Stimmung mache. „Das ,Strategiepapier’ der GMA sagt es noch verbrämt: Automatisierung verändert Arbeitsplätze“, führt er fort. Darin heiße es unter Punkt 17: Mit zunehmender Automatisierung erfolgt eine Verlagerung von vorhandenen Arbeitsplätzen zu solchen, die eine andere oder höhere Qualifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfordern. „Das ist also ein Nullsummenspiel?“, stellt der Denker die rhetorische Zwischenfrage und beantwortet sie auch sogleich selbst: „Doch wohl eher nicht.“
Im Strategiepapier, Punkt 17, heiße es weiter: Als Beispiele seien hier die Einführung des Fließbandes durch Henry Ford im Automobilbau bzw. die Überwachung der wichtigsten Einflussgrößen in einem Kernkraftwerk auf einem entsprechenden Leitstand genannt.
Punkt 18: Gleichzeitig werden auf dem Gebiet der Automatisierungstechnik selbst, angefangen von Forschung und Entwicklung bis zur Wartung und Instandhaltung komplexer Automatisierungssysteme, neue hochwertige Arbeitsplätze geschaffen. Dazu der zynische Kommentar von D. Schaudel: „Es ist also nicht nur ein Nullsummenspiel, es ist ein Arbeitsplatzgenerator! Natürlich wird jeder von uns besonders diesem letzten Punkt zustimmen: Wir generieren Arbeitsplätze. Unsere PR-Abteilungen leben ja geradezu von diesen Erfolgsmeldungen. Und wenn wir Arbeitsplätze außerhalb Deutschlands neu schaffen, dann tun wir das ja auch nur, um die hierzulande zu sichern.“
Er verweist zudem auf radikalere Stimmen in der Öffentlichkeit und nennt als Beispiel das Buch „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“ von Jeremy Rifkin (3. Auflage: Januar 2003). Ein Auszug: „Würde man in Deutschland die heute verfügbare industrielle Technik zum Einsatz bringen, fielen
9 Mio. Arbeitsplätze weg und die Arbeitslosigkeit stiege auf 38 %. Der fortschreitende Prozess der Automation und Arbeitsplatzvernichtung in der industriellen Produktion wird nicht aufzuhalten sein. Lassen sich die gewaltigen sozialen Konflikte vermeiden, die aus der Spaltung der Gesellschaft in arm und reich, aus dem Wegfall aller sozialen Sicherungssysteme, den Strukturen der Wohlstandsverteilung, kurz: dem Konkurs der sozialen Marktwirtschaft, erwachsen werden?
„Die bestimmt unverdächtige Stuttgarter Zeitung hat das Thema mit einem Interview mit Jeremy Rifkin im Juni 2008 aufgegriffen unter der Überschrift: Langfristig wird die Arbeit verschwinden“, so D. Schaudel. Ironisch fügt er an: „Gut, wir können sagen: Langfristig sind wir alle tot. Ferner können wir sagen, dass es diese Diskussion schon immer gab, seit James Watt die Dampfmaschine erfunden hat und aus England die ersten mechanischen Webstühle kamen.“ Doch er macht auch deutlich: „Aber selbst so unverdächtige Lichtgestalten wie Prof. Roman Boutellier, Chef des Instituts für Innovationsmanagement an der ETH in Zürich, fragen inzwischen besorgt: Wie viel Innovation verträgt der Mensch?“ Nicht eingehen will D. Schaudel jedoch auf die Frage, die Ray Kurzweil schon vor zehn Jahren gestellt hat, ob denn nicht in absehbarer Zeit der Mensch dem Roboter diene und nicht umgekehrt. Diese würde heute nicht nur von Futuristen und Zukunftsforschern heiß diskutiert.
Wissen – Können – Tun
„Mir ist es in den letzten Wochen nicht gelungen, eine einigermaßen belastbare Darstellung zu finden, wie in den letzten Jahrzehnten die fortschreitende Automatisierung und Informatisierung das Arbeitsplatzangebot verändert hat – in Deutschland, in Europa, in den USA, in der Welt“, zieht der Consultant Bilanz. So hätten viele Menschen genau wie er selbst in den letzten 40 Jahren dramatische Veränderungen erlebt. „Es gibt sie sicher, diese Untersuchungen“, so D. Schaudel. „Ich halte es aber für die falsche Strategie, sie zu verstecken. Statt dessen meine ich, dass gerade die fachlich kompetenten Verbände und Vereinigungen, in Deutschland, wie der BDI, der VDMA, der ZVEI, die GMA usw., öffentlich die Initiative für eine Transparenz ergreifen sollten“, ruft er auf und meint weiter. „Wir, die wir Automatisierung gestalten und prägen und mit Recht stolz darauf sind, können nicht erwarten, dass die Politik uns diese Aufgabe abnimmt. Im Gegenteil müssen wir uns darauf gefasst machen und uns darauf vorbereiten, dass wir bei jeder populistisch passenden Gelegenheit an den Pranger gestellt werden.“
Er verdeutlicht noch einmal, was Automatisieren zusammengefasst für ihn heißt:
- Verantwortung übernehmen.
- Kodizes, Grundsätze des Ingenieurberufs usw. helfen bei der Güterabwägung von Nutzen und Schaden des eigenen Tuns. Es gibt davon genügend; neue müssen nicht erfunden werden.
- Ethische Grundsätze, wie die des VDI von 2002, sollten in jedem Unternehmen Bestandteil des Führungshandbuchs und der wiederholten Schulung sein.
- Die angepasste Anwendung der VDI-Richtlinie 3750 „Technikbewertung“ sollte in jedem Unternehmen Bestandteil der Unternehmensstrategie sein.
- Die mit Automatisierung und Informatisierung befassten Verbände, Vereinigungen und Unternehmen sollten sich offensiv der öffentlichen Diskussion stellen, wie die Technik das Leben jedes Menschen verändert und was zu tun ist, diese Veränderung menschlich zu gestalten.
„Es liegt nun an jedem Einzelnen, was er daraus macht. Ich meine, jeder sollte.“ Mit den Worten: „Denken Sie an den Dreisatz: Wissen – Können – Tun. Auf das Tun kommt es an“, schließt D. Schaudel seine Ausführungen.
