Security als Prozess

Alexander Matt und David Bongermino – zwei Experten, die das Hardund Softwareportfolio bei Schubert System Elektronik am Kunden und an der Zukunft ausrichten. (Quelle: Schubert System Elektronik)
Ein weiteres aktuell dominierendes Thema ist Cybersecurity. Es wird derzeit durch Regularien, wie Cyber Resilience Act, RED-Richtlinie, Maschinenverordnung und EU Data Act, in der Umsetzung getrieben. „Security wird aktuell von vielen Kunden nachgefragt, allerdings ist es ein recht langwieriger Prozess“, berichtet A. Matt. Bei SSE arbeitet ein interdisziplinäres Cybersecurity-Team unternehmensübergreifend an der Einhaltung aktueller und kommender Vorgaben. „Wir betrachten die rechtlichen Vorgaben und dahinterstehenden Normen inklusive der IT Security ganzheitlich“, sagt D. Bongermino. Mit Blick auf RED oder CRA stellt er heraus: „Wir müssen früher dran sein als unsere Kunden: Unsere Produkte müssen heute schon CE-Konformität mitbringen, da sie in Maschinen verbaut werden, die möglicherweise erst in zwei oder drei Jahren in Serie gehen. Zu diesem Zeitpunkt sind die genannten Vorgaben bindend.“
Als wichtigen Baustein in diesem Prozess führt er die Bedrohungsmodellierung an, die bei SSE bei allen neuen Projekten Standard sei – selbst bei nur leicht angepassten Serienprodukten. „Bei kundenspezifischen Entwicklungen ist das Thema sogar fester Bestandteil des Pflichtenhefts. Hier werden der Einsatzzweck, das Bedrohungsszenario und der regulatorische Rahmen frühzeitig gemeinsam mit dem Kunden besprochen“, so D. Bongermino.
Kunden erhalten Empfehlungen, wie sich Security-Anforderungen technisch und organisatorisch umsetzen lassen – auch in Bezug auf aktuelle Grauzonen in der Regulierung. Als Beispiel nennt der Teamleiter Software die verpflichtende Bereitstellung eines maschinenlesbaren Software-Stücklistenformats (SBOM). „Das hier verlangte maschinenlesbare Format kann allerdings beliebig ausgelegt werden. Unsere Kunden müssen es für den Endanwender bereitstellen. Wenn hier unterschiedliche Formate zusammenkommen, ist das wenig zielführend. Auch bei solchen Themen beraten wir unsere Kunden“, informiert D. Bongermino weiter.
A. Matt verweist auf ein unlängst stattgefundenes Gespräch mit einem hinsichtlich der Maschinenverordnung verunsicherten Kunden. Konkret stand hier die Frage im Raum, ob jetzt all seine Produkte ein Software-Update benötigen würden. „Wir konnten ihn beruhigen, weil das nicht der Fall ist. Allerdings haben wir ihn für den Stichtag, 20. Januar 2027, sensibilisiert, ab dem die Maschinenverordnung anzuwenden ist“, erklärt er. Um gemeinsam einen optimalen Weg zu beschreiten, haben die SSE-Experten ein Roundtable initiiert, bei dem unterschiedliche Lieferanten zusammenkommen, um beispielsweise Einzelheiten zu einem einheitlichen SBOM-Format zu besprechen. D. Bongermino verweist auf zwei bereits am Markt favorisierte Standards: SPDX und CycloneDX. „Diese haben sich im Rahmen einer VDMA-Befragung vor zwei Jahren hervorgetan“, informiert er. „Das eine Format unterstützen wir nativ bei unserer Software und das andere lässt sich leicht konvertieren“, fügt er an.
Auch im Bereich Security zeigt sich: Der kundenindividuelle Lösungsansatz ist kein Lippenbekenntnis, sondern zieht sich durch alle Unternehmensbereiche. „Wir sind nicht der klassische Security-Dienstleister, aber wir helfen unseren Kunden, die Anforderungen richtig zu verstehen und sinnvoll umzusetzen“, fasst A. Matt zusammen. Dabei orientiere man sich an anerkannten Normen wie der IEC 62443, der ISO/IEC 27001 sowie der neuen DIN EN 18031 für sicherheitsrelevante Aspekte der Funkanlagenrichtlinie. „Security ist kein Produkt, sondern ein Prozess – und wir begleiten unsere Kunden aktiv durch diesen Wandel“, fasst A. Matt zusammen.
Windows 11 IoT und Linux im Fokus
Für seine Hardware bietet SSE unter dem Namen Prime OS spezifische Betriebssysteme. Diese sind für verschiedene Anwendungsszenarien optimiert und stehen für HMI-, Virtualisierung- oder Container-Anwendungen zur Verfügung. Prime OS ist nach Kundenanforderungen zusammenstellbar und konfigurierbar, bis hin zu einer komplett kundenspezifischen Lösung. Dabei können sowohl Windows als auch Linux die Basis bilden. Zu Beginn des Jahres wurde die Umstellung auf Windows 11 IoT bekannt gegeben. „Zwar wird Windows 10 IoT LTSC offiziell noch bis 2032 supportet, allerdings erhielten wir seit Mitte letzten Jahres vermehrt Kundenanfragen nach der neuen Softwareversion“, erläutert A. Matt. Auslöser sei die öffentliche Diskussion um das Support-Ende von Windows 10 im Office-Bereich gewesen. „Viele Kunden zogen voreilig Rückschlüsse auf die industrielle Variante – und suchten Rat bei uns“, berichtet er weiter. Auch hier kommt wieder SSEs Beratungsansatz ins Spiel. „Wir erklären unseren Kunden, dass es in der Industrie zunächst keinen akuten Handlungsbedarf gibt – zumindest bei Standardprodukten“, pflegt D. Bongermino ein. Bei kundenspezifischen Projekten, deren Produktlebenszyklen oft mehrere Jahre betragen, sehe die Sache anders aus. „Aufgrund der neuen regulatorischen Anforderungen, insbesondere des Cyber Resilience Acts, ist es essenziell, frühzeitig auf Windows 11 umzustellen – um langfristige Update- und Supportfristen einhalten zu können. Denn anders als in der Vergangenheit lassen sich Sicherheits-Updates nach Ablauf des offiziellen Supports nicht einfach verlängern – oder nur zu extrem hohen Kosten“, erklärt er.
Deshalb wurden die Standardsysteme bei SSE bereits auf Windows 11 IoT aktualisiert, wo es technisch möglich ist. Ein Knackpunkt bleibt die Hardwarekompatibilität: Windows 11 unterstützt nur bestimmte Prozessorgenerationen, ältere Systeme fallen durch das Raster. „Deshalb entwickeln wir aktuell eigene x86-Boards, die speziell auf Windows 11 ausgelegt sind“, lautet das Fazit von A. Matt. Ziel ist es, sowohl langfristige Kompatibilität als auch optimale Performance sicherzustellen. Trotz der nach wie vor starken Verbreitung von Windows in der Industrie rückt auch Linux zunehmend in den Fokus. „Vor drei, vier Jahren war die typische Frage noch: Gibt es dafür ein Standard-Linux? Heute spüren wir deutlich mehr technisches Verständnis“, lautet seine Wahrnehmung. Der Grund liege nicht nur in der Flexibilität und Modularität des Systems, sondern auch in der steigenden Akzeptanz von Open-Source-Lösungen in der Automatisierung. „Vor allem in Kombination mit Docker und anderen IT-nahen Technologien gewinnt Linux an Relevanz“, erklärt er.
Hinzu kommt laut D. Bongermino: „Viele Anwendungen werden heute auf kleineren, kostensensiblen ARM-Plattformen betrieben. Dort punktet Linux mit deutlich geringeren Ressourcenanforderungen und dem Wegfall von Lizenzkosten. Für leichtgewichtige Bedienpanels, dezentrale Clients oder Web-HMI ist Linux oft die bessere Wahl – auch wirtschaftlich gesehen.“ „Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach modernen, vernetzten Architekturen, in denen Server-Client-Strukturen dominieren und viele kleine Geräte eingebunden werden“, ergänzt A. Matt.
„Der Wandel ist spürbar: Während Windows nach wie vor für große, vollwertige Systeme eine stabile Grundlage bietet, etabliert sich Linux zunehmend als schlanke, skalierbare Alternative“, fasst A. Matt zusammen. Schubert System Elektronik unterstützt beide Zielrichtungen.
Erweiterung der Marktreichweite
Auf dem Weg zur optimalen Kundenlösung setzt das Unternehmen an passender Stelle auch auf Partnerschaften, wie die Zusammenarbeit mit Flecs zeigt. Flecs ergänzt das SSE-Portfolio insbesondere mit Blick auf Linux-basierte Systeme und das wachsende Interesse an Docker Anwendungen in der Industrie.
„Für viele Kunden bietet die Flecs-Plattform einen unkomplizierten Einstieg in die containerisierte Welt – ganz ohne tiefgreifende Linux- oder Docker-Kenntnisse – und dabei kostengünstig und skalierbar“, sagt A. Matt. Statt aufwendiger Eigenkonfiguration ermögliche der Flecs Marketplace den einfachen Zugriff auf eine Vielzahl industrieller Apps, die wie in einem App-Store installiert und verwaltet werden können.
SSE liefert die passende Hardware samt Docker-fähigem Betriebssystem. „Unsere Systeme – etwa Panel-PC oder Edge-Clients – laufen auf Prime OS, das optional mit Flecs oder alternativen Lösungen wie Portainer betrieben werden kann. Der Kunde hat damit die Wahl: Er kann auf den Komfort und das Ökosystem von Flecs zurückgreifen oder eine eigene Containerstruktur aufsetzen – ganz nach Bedarf, Umfang und technischem Anspruch“, erklärt D. Bongermino.
Ferner meint er: „Flecs bietet mit seinem Marketplace und dem Gesamtkonzept ein recht einzigartiges Angebot.“ Als einen wichtigen Vorteil für Kunden stellt er heraus: „Die gesamte Docker-Thematik mit Kommunikation, Datenaustausch usw. wird von Flecs gemanagt. Das macht die Einstiegshürde für Kunden sehr niedrig“, so D. Bongermino. Als besonders attraktiv nennt er: „Anwender können sich sogenannte Blueprints erstellen, Konfigurationen auf Flottenebene ausrollen und sogar ihren eigenen, gebrandeten App-Store etablieren – inklusive integrierter Abrechnungsmodelle für lizenzpflichtige Softwarelösungen.“
Ausblick: Skalierbare Lösungen, lokale Kontrolle und europäische Resilienz
Bis zum Jahresende will Schubert System Elektronik mehrere wegweisende Produktentwicklungen auf den Weg bringen – beispielsweise im Bereich schlanker, webbasierten Bedienlösungen. Als ein Highlight nennt A. Matt ein neues 10,1-Zoll-Webpanel mit der hauseigenen PrimeOS Client Software, das sich über einen Wizard unkompliziert in serverbasierte Architekturen integrieren lässt. „Unser Ziel ist es, ein leistungsfähiges, intuitiv bedienbares Gerät zu einem attraktiven Preis anzubieten – ideal für kostensensible Industrieanwendungen mit vielen Bedieneinheiten“, erklärt er.
Auch hardwareseitig steht ein Generationswechsel an: Im Sinne der Cybersicherheit und mit Blick auf regulatorische Anforderungen wie den Cyber Resilience Act stellt das Unternehmen auf moderne Prozessorplattformen wie Intel-Raptor-Lake um. „Parallel dazu erweitern wir unser Portfolio um ein Edelstahl-HMI der neuen HMI-Hygienic-Line. Damit erhalten unsere Kunden einen robusten Touchscreen mit High Performance-IPC, der höchsten Schutzstandards entspricht. Er ist für den Einsatz in anspruchsvollen Produktionsumgebungen und hygienisch sensiblen Bereichen konzipiert, zum Beispiel der Pharma- und Nahrungsmittelbranche.“ Hier sieht SSE langfristiges Potenzial und möchte sich in einem wachsenden Nischenmarkt stärker etablieren.
Ein zentrales strategisches Thema für 2025 ist die Entwicklung eines lokal betreibbaren Device-Management-Systems für Prime-OS-basierte Systeme. „Während viele Anbieter auf Cloudlösungen setzen, ermöglichen wir es unseren Kunden, ihre Geräte in der eigenen IT-Infrastruktur zu verwalten – skalierbar, updatefähig und ohne Cloudbindung“, sagt D. Bongermino. Die Erfahrung zeige: Viele Kunden wünschen keine automatischen Updates oder Abhängigkeiten von externen Plattformen, sondern bevorzugen On-Premise-Lösungen, die sie selbst managen können.
Mit Blick auf die nächsten drei bis fünf Jahre möchte sich Schubert System Elektronik weiter als integrativer Lösungspartner positionieren. „Europäische Werte, wie Datensouveränität, Securitystandards und zuverlässige Lieferketten, spielen eine immer wichtigere Rolle – nicht nur politische Entwicklungen, sondern auch der Markt selbst befeuern den Trend zu ,Made for Europe‘. In diesem Umfeld wollen wir uns als resilienter, technisch versierter Partner an der Seite unserer Kunden positionieren“, sagt A. Matt. Mit seinem aktuellen Lösungsangebot, einer deutlichen Kundenorientierung und dem „Made in Germany“-Ansatz hat sich SSE gut für eine Zukunft aufgestellt, in der Resilienz und Regionalität neue Relevanz erlangen und „Designed for Europe“ zum Erfolgsfaktor wird. Und SSE gestaltet diesen Wandel aktiv mit.
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