Speed versus Beharrungskräfte

Dr. Tobias Frank: „Was wir von Chinesen lernen können, ist das Prinzip ,good enough‘: Man entwickelt bis zu einem Punkt, an dem es gut genug ist, und skaliert dann sehr schnell in die Fläche.“

Dr. Tobias Frank: „Was wir von Chinesen lernen können, ist das Prinzip ,good enough‘: Man entwickelt bis zu einem Punkt, an dem es gut genug ist, und skaliert dann sehr schnell in die Fläche.“ (Quelle: VDE VERLAG)

Dr. Thomas Bürger: „Der Kern von den offenen Systemen ist, dass sie miteinander können. Und Co-Creation startet aus meiner Sicht bei der Standardisierung.“

Dr. Thomas Bürger: „Der Kern von den offenen Systemen ist, dass sie miteinander können. Und Co-Creation startet aus meiner Sicht bei der Standardisierung.“ (Quelle: VDE VERLAG)

Tom Roca: „Was uns bislang fehlt, ist die Standardisierung des Package- Managements. Der Kunde muss seine Softwareapplikationen aktuell dreimal entwickeln. Das wäre auch ein Co-Creation- oder Kooperationsthema, ein standardisierendes Package-Management.“

Tom Roca: „Was uns bislang fehlt, ist die Standardisierung des Package-Managements. Der Kunde muss seine Softwareapplikationen aktuell dreimal entwickeln. Das wäre auch ein Co-Creation- oder Kooperationsthema, ein standardisierendes Package-Management.“ (Quelle: VDE VERLAG)

Steffen Winkler: „Neben Offenheit ist Einfachheit ein wichtiges Kriterium. Auch diese muss man sich zum Ziel setzen.“

Steffen Winkler: „Neben Offenheit ist Einfachheit ein wichtiges Kriterium. Auch diese muss man sich zum Ziel setzen.“ (Quelle: VDE Verlag)

Markus Sandhöfner, Group Vice President Global Accounts bei Lenze, lenkt die Diskussion in Richtung IT. „Auch dort gibt es unterschiedliche Plattformen – sogar für ähnliche Hardware, ob PC, mobile oder embedded. Allerdings sind dort die Stückzahlen deutlich größer. Vielfalt bedeutet also nicht automatisch ein Scheitern; sie ist auch Ausdruck von Wettbewerb“, lautet seine Überzeugung. Den entscheidenden Unterschied würden die verbindenden Elemente bringen, zum Beispiel Schnittstellen, Standards, gemeinsame „Nahtstellen“, die Zusammenarbeit über Plattformgrenzen hinweg ermöglichen. Genau diese Nahtstellen seien der Schlüssel, um Innovation und Skalierung zu verbinden. „Innovation entsteht durch Wettbewerb, unterschiedliche Architekturen, unterschiedliche Ansätze. Skalierung entsteht durch Zusammenspiel, Interoperabilität, anschlussfähige Standards. Aus all dem resultiert Volumen, das die schnelle Amortisierung der Entwicklungskosten ermöglicht“, lautete die Botschaft von M. Sandhöfner.

„Wird nur schwierig, wenn wir alles bedienen müssen“, meinte O. Prein und ergänzte: „Wir kennen alle die lange Liste der Feldbusse – alles muss immer adaptiert werden.“ Er griff noch einmal das Thema SPE auf und verwies auf die langwierige Einigung rund um den Steckerstandard. Auch bei OPC UA FX würde die Marktdurchdringung lange dauern. „Da fehlt einfach der Speed“, so sein Empfinden. Als nächstes Beispiel führte er 48 V an: „PoE ist längst 48-V-fähig. Der Automatisierungsgrad steigt und 24 V stoßen irgendwann an Grenzen. Trotzdem bleibt die Marktdynamik zäh, gerade auf Sensorebene. Die Branche ist oftmals in der Umsetzung zu langsam unterwegs.“ „Weil es eine Beharrungskraft gibt von dem, was man kennt und installiert hat. Damit sind Entwickler und Wartungspersonal vertraut“, lautete die Erklärung von M. Sandhöfner. „Außerdem befinden wir uns als Automatisierer am Anfang einer langen Innovationskette.“ Auch der Bestand müsse mitgedacht werden. „Das braucht Zeit. Kommt hinzu: Je mehr Mitglieder in einer Vereinigung sind, desto länger dauert es, bis eine neue Technologie beschlossen wird. Auf der anderen Seite kann ein einzelner Anbieter von SPE, OPC UA FX oder 48 V keine Änderung bei den Maschinen- oder Anlagenbauern erreichen. Dazu bedarf es eines gesamten Ökosystems“, gibt er ferner zu bedenken.

Auch S. Winkler geht es teilweise zu langsam. „Andere Länder und Kulturen sind deutlich adaptionsfreudiger und auch schneller in der Anwendung von neuen Technologien. Wir müssen uns mehr trauen. Es ist ja nicht nur der günstigere Preis, aufgrund dessen man beispielsweise chinesischen Anbietern den Vorzug gibt, sondern auch die Technik. Das zeigt sich gerade im Automobilbereich ganz deutlich“, erklärte er. Dr. T. Bürger lenkte den Blick auf positive deutsche Innovationskraft: „Worin wir wirklich schnell waren, ist die Schaffung unserer Plattformen. Und warum? Weil wir auf bestehende Technologien und Standards gesetzt haben.“ Und nicht allein die Automatisierer hätten damit ihr Business beschleunigt: „Unsere Kunden können extrem schnell applizieren, umsteigen und eigene Innovationen vorantreiben“, so Dr. T. Bürger. Er bestätigte aber auch, dass Standardisierung in Deutschland langwierig sein kann. Das sei in China anders. „Aber“, fragt er in die Runde, „welche für offene Plattformen wirksame Standards kennen wir aus China? Chinesen applizieren schnell, aber bisher relevante Standards haben sie wenige geschaffen.“ Und dann spannte er den Bogen zurück zur Frage: Braucht es wirklich mehrere Betriebssysteme unterschiedlicher Hersteller? „Wir brauchen den Wettbewerb. Hätten wir nur eine Plattform, wären wir auch bei diesen genauso langsam im Fortkommen, wie bei SPE oder OPC UA FX.“

Auch Dr. T. Frank hält das für einen wichtigen Ansatz und nennt Container-Standards als gute Zielrichtungen. „Ich glaube, die Community hat das erkannt und wir sind dahingehend auf einem guten Weg. Nach der Standardisierung des Containers ist der nächste Schritt, die Datenschnittstelle in unsere Ökosysteme hinein zu standardisieren.“

Dem fügt Volker Vogler, Head of Business Development & Marketing bei Mitsubishi Electric, an: „Unsere Kunden, egal ob aus dem Automotive- oder Verpackungsbereich, haben die gleichen Herausforderungen wie wir zu bewältigen, zum Beispiel dem Druck aus China entgegenwirken und am Ende wettbewerbsfähig sein. Mit unseren offenen Systemen und Lösungen liefern wir ihnen ein Element, ihren aktuellen Vorsprung beizubehalten oder eben ihre Innovationsgeschwindigkeit zu erhöhen.“

Einfachheit als Erfolgsfaktor

„Neben Offenheit wird Einfachheit zum Kriterium“, warf S. Winkler einen weiteren entscheidenden Aspekt in die Runde. Over-Engineering sei eine deutsche Paradedisziplin, während Wettbewerber „just enough“ oft besser beherrschten. „Das Rennen entscheidet nicht nur, wer Co-Creation kann, sondern wer den einfachsten Weg zur Lösung anbietet“, so S. Winkler. „Standards sind gesetzt, damit will sich der Kunde nicht beschäftigen. Er möchte schnell zur Lösung gelangen. Deshalb müssen wir mehr in Apps denken, ready-to-use liefern, tiefer in Kundenapplikationen einsteigen“, ist die Sicht von O. Prein. „Einfachheit in einem komplexen volatilen Markt ist ein wichtiges Stichwort“, bestätigte Anahita Sadjjadi, Business Development Manager EcoStruxure Automation Expert DACH bei Schneider Electric. Das gelte auch mit Blick auf den Generationenwechsel und rückläufige Absolventenzahlen in technischen Studiengängen. „Hinzu kommt, dass die jüngere Generation gegenüber Systemen als auch Unternehmen nicht mehr so loyal ist. Deshalb sind immer weniger Mitarbeiter bereit, sich langwierig in komplexe Technologien einzuarbeiten. Somit fehlen auf der einen Seite die intrinsische Motivation sowie das Durchhaltevermögen und auf der anderen Seite geht mit dem Generationenwechsel viel Wissen verloren. Das ist Wissen über die ganze Steuerungshistorie hinweggeht und über die Automatisierungshistorie.“ Deshalb plädierte sie dafür, dieses Know-how zu sammeln und gebündelt in die Unternehmen zurückzuspielen. „Auf diese Weise gelangt man dann letztendlich auch wieder zur angesprochenen Einfachheit“, lautet ihr Denkansatz. Ebenso wichtig ist aus ihrer Sicht, auf IT-nahe Systeme zu setzen, weil die jüngere Generation damit groß geworden ist. All diese Aspekte müssen wir in unsere Automatisierungssysteme einfließen lassen“, so A. Sadjjadi.

Mit China – nicht ohne, nicht dagegen

Im Zuge der Diskussion wurde schon mehrfach der Blick in Richtung China gelenkt. Nun also die konkrete Frage in die Runde: „Wie offen sind die Player für eine Zusammenarbeit mit chinesischen Anbietern?

„Es gibt nur eine Strategie mit China, keine ohne“, ist O. Prein überzeugt. „Partnerschaften sind notwendig, beispielsweise wegen Rohmaterialien, seltener Erden, Batterietechnologien usw. Wer glaubt, man könne das einfach ,zurückholen‘, übersieht, wie viel industrielle Wertschöpfung längst global verteilt ist“, erklärte er weiter. Augenhöhe sei deshalb entscheidend: „Was gebe ich, was kann ich nehmen? China kann auch Brücke zu neuen Ideen und Innovation sein und nicht nur Risiko“, so seine Botschaft.

V. Vogler schlug in dieselbe Kerbe, aber mit Blick auf Technik: „Wir reden hier über ,alles ist offen‘. Natürlich haben wir hierzulande andere Anforderungen, mit denen wir uns beschäftigen müssen. Aber wenn wir über Offenheit sprechen, dann endet das nicht an einer einzelnen Schnittstelle oder bei der reinen Kommunikationsanbindung. Offenheit muss danach genauso konsequent weitergedacht werden.“ Aus seiner Sicht sollte man sich bestimmte Dinge anschauen, davon lernen und auch übernehmen.

Dr. T. Frank machte China dann zum Praxisbeispiel: Phoenix Contact hat 2019 ein Center of Competence für die PLCnext Technology in Nanjing aufgebaut. Dort arbeitet seitdem ein Entwicklerteam, das eigene PLC entwickelt und PLCnext Technology weiter ausbaut. „Der Markt tickt dort komplett anders, vor allem in der Geschwindigkeit. Was wir lernen können, ist das Prinzip ,good enough‘: Man entwickelt bis zu einem Punkt, an dem es gut genug ist, und skaliert dann sehr schnell in die Fläche. Genau in diesem Spannungsfeld sind wir unterwegs und lernen gegenseitig voneinander: das China-Team vom Headquarter-Team und umgekehrt. Das kann ich nur empfehlen, denn es geht nur mit China, nicht ohne und schon gar nicht dagegen.“

„Technische Offenheit bedeutet ja nicht strategische Naivität“, stellte T. Roca heraus. „Wir alle hier arbeiten bereits mit Partnern in China oder stehen in Kontakt. Ich denke aber, es geht um den nächsten Schritt und damit die Frage: Wollen wir wirklich alles offenlegen, gemeinsam Standards vorantreiben und Standardisierung aktiv zusammen angehen? Und da bin ich mir nicht sicher, ob wir alle schon so weit sind, diesen Schritt in dieser Konsequenz zu gehen.“

In Teil 2 diskutieren die Player unter anderem über Cybersecurity und KI in der Open Automation. Außerdem geben sie einen Ausblick auf das Jahr 2030. Freuen Sie sich also auf Ausgabe 3 der openautomation.

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Inge Hübner
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