Wiederverwendbare Softwareobjekte

Jessica Bethune, Vice President Industrial and Process Automation DACH bei Schneider Electric: „Mit Automation Expert wollen wir gerade auch kleinere Unternehmen in die Lage zu versetzen, den Weg in eine effiziente und nachhaltige Zukunft erfolgreich zu gehen.“ (Quelle: Schneider Electric)
Passend zu der von der UAO ermöglichten Automatisierungsphilosophie hat Schneider Electric – aber auch andere UAOMitglieder, wie R. Stahl, Kongsberg Maritime oder Phoenix Contact – Lösungen am Markt, mit denen die Anwender von den Vorteilen profitieren können, die eine Auflösung proprietärer Strukturen zur Folge hat. Für das Engineering-Tool EcoStruxure Automation Expert stellt J. Bethune heraus: „Bisher ist nahezu sämtliche Automatisierungssoftware auf den klassischen Automatisierungsansatz zugeschnitten. Daher haben wir ein Tool entwickelt, das mit seiner gesamten Funktionalität nach den Vorgaben von IEC 61499 aufgebaut ist – also entlang der Norm, die aus unserer Sicht ideal für die heutigen Anforderungen an flexible, energieeffiziente und resiliente Anlagen geeignet ist.“ Die Kombination aus UAO-Runtime und IEC-61499-fähigem Engineering-Tool bringe dabei wesentliche Vorteile mit: „Wir ermöglichen eine echte herstellerübergreifende Wiederverwendbarkeit von Softwareobjekten“, betont J. Bethune den aus ihrer Sicht wichtigsten Aspekt. „Einmal programmierter Code für eine einzelne Mechanik oder eine gesamte Anlage kann in einem Funktionsblock gekapselt und dann auf jede Komponente mit CPU und UAO-Runtime aufgespielt werden, egal von welchem Hersteller die Komponente stammt. Das spart dem Maschinenbauer Zeit bei Parallelentwicklungen, reduziert den Aufwand beim Austausch von Bauteilen und erzeugt eine sozusagen native Interoperabilität von Automatisierungskomponenten.“ Auf diese Weise hält also ein Prinzip Einzug in die Automatisierungswelt, das sonst eher
aus der Consumer-IT bekannt ist: „Wenn ich für meinen PC eine neue Software erwerbe, dann ist es auch egal, von welchem Hersteller mein Computer stammt. Entscheidend ist, welches Betriebssystem ich nutze.“
Nachhaltig wirtschaften mit Universal Automation
Einer der Hauptgründe, wieso der in Deutschland mit rund 5 000 Mitarbeitenden vertretene Tech-Konzern auf ein herstellerunabhängiges Automatisierungsparadigma setzt, ist im Markenkern des Unternehmens zu suchen. „Für uns geht es beim Thema Universal Automation darum, unseren Kunden nachhaltiges und damit zukunftsfähiges Wirtschaften zu ermöglichen“, bekräftigt J. Bethune. „Denn eigentlich stehen uns ja alle notwendigen Technologien für eine klimafreundliche Industrie zur Verfügung – Stichwort Industrie 4.0. Das Problem ist nur: Ihre Implementierung gestaltet sich oft schwierig. Und genau das möchten wir mit Universal Automation ändern. Damit schaffen wir nicht nur mehr ingenieurstechnische Freiheiten und Interoperabilität, sondern ermöglichen auch flexiblere und somit ressourceneffizientere Anlagen, vereinfachen Modernisierungen und etablieren eine ganz neue Grundlage für das Zusammenwachsen von IT und OT.“ Letzteres ist in den Augen von J. Bethune und Schneider Electric deshalb so entscheidend, da es das Potenzial von Software und KI noch einmal erweitert. „Oft lässt sich der Wirkungsgrad von Anlagen schon mit einfachen Mitteln erheblich erhöhen“, weiß J. Bethune. „Aber das geht nur dann, wenn eine wirklich durchgängige Datentransparenz existiert, die mir konsolidierte Einblicke in sämtliche Dimensionen meines Unternehmens gewährt. Erst dann kann ich entsprechende Softwarelösungen nutzen, die mir die entscheidenden Zusammenhänge und Kausalitäten aufzeigen. Mit Universal Automation schaffen wir auf Automatisierungsseite die Grundlage dafür.“
Nicht abwarten, sondern loslegen
Mit Nachdruck erklärt J. Bethune, dass viele Bausteine rund um das Thema Nachhaltigkeit bereits existieren. „Unternehmen sollten mehr darüber nachdenken, wie sie vorhandene Technologien schon jetzt einsetzen können, um bestimmte Zwischenschritte bzw. -ziele zu erreichen.“ Sie bemängelt, dass aktuell zu viel über Maßnahmen und Anreize aus der Politik diskutiert und abgewartet würde. „Ich denke zwar ebenfalls, dass wir die politische Unterstützung brauchen, ebenso wie Investitionen und Innovationen. Allerdings würde ich mir vonseiten der Unternehmen etwas mehr eigenverantwortliches Handeln wünschen. Einfach nur abwarten, bis der digitale Zwilling für alle bereitgestellt wird, ist aus meiner Sicht der falsche Weg.“ Stattdessen rät sie auszuloten, wie mit den heute bereits zur Verfügung stehenden Technologien Effizienzsteigerungen ermöglicht werden können, um wieder Raum für wirtschaftliche Innovationen zu schaffen. „Ich bin fest davon überzeugt, dass trotz der aktuellen wirtschaftlichen Lage mehr möglich ist, als derzeit getan wird. Uns sollte bewusst sein: Damit verspielen wir unser wertvolles ‚Made in Germany‘- Image und unseren technologischen Vorsprung, der durch unsere Industrie und unseren Mittelstand mitgetrieben wird.“ Auch die Abwanderung von Unternehmen bereitet ihr Sorge. „Einige der Unternehmen, die in den letzten zwölf Monaten in
die USA oder nach Asien abgewandert sind, werden so schnell nicht zurückkommen – das ist klar“, sagt sie. Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken, lautet ihr Appell: „Es gibt unglaublich viel, was weiterhin aus der EU heraus geschaffen werden kann. Das heißt, nicht dem nachweinen, was gegangen ist, sondern sich auf unsere Stärken und unser enormes Potenzial fokussieren.“ Als weitere Botschaft formuliert sie: „Mein Wunsch wäre, dass wir wieder ein bisschen enger zusammenrücken und uns ein Stück weit selbst aus dem Tunnel herausmanövrieren.“
Mit Co-Creation mehr erreichen
Und damit sind wir dann auch wieder beim Thema Co-Creation, das mit der UAO bereits angeklungen ist. Denn auch hier folgt man dem Motto: Echten Wandel schaffen wir nur gemeinsam. Und darüber hinaus? „Dass wir uns als Partner-Company definieren, ist ein ganz wichtiger Teil unseres Selbstverständnisses,“ sagt J. Bethune, auch mit Blick auf die jüngere Firmenhistorie. „Wir stehen mit unserem Portfolio heute nur da,
wo wir heute stehen, weil wir immer wieder sehr eng mit anderen Unternehmen zusammengearbeitet haben. Und da beziehe ich nicht nur andere Hersteller mit ein, sondern auch Firmen, die tagtäglich mit unseren Lösungen arbeiten und diese beim Kunden implementieren, also etwa Systemintegratoren oder E-Handwerker. Nur wenn wir deren Feedback sehr ernst nehmen, können wir wirklich praxistaugliche Lösungen entwickeln.“ Neben den von J. Bethune angesprochenen Kollaborationsformen stellt Schneider Electric aber auch eigene Plattformen für die Co-Creation bereit. So zum Beispiel im Fall der neuen Edge Apps. Hier ist es möglich, Softwarebausteine von Schneider Electric mit Angeboten anderer Anbieter zu kombinieren, sodass sich Anwender eine für ihre individuellen Bedarfe optimal zugeschnittene Lösung zusammenstellen können.
Anlässlich seines Innovation Summits im Frühjahr 2024 hatte Schneider Electric außerdem ein neues Partnerprogramm zur Reduzierung von Scope-3-Emissionen in der Metall- und Mineralindustrie gestartet: Materialize. Mit diesem will man Unternehmen der Branche bei der Dekarbonisierung ihrer Wertschöpfungsnetzwerke unterstützen, etwa in Form von Lieferverträgen für Strom aus erneuerbaren Quellen. Ähnliche Programme hat das Unternehmen bereits für die Halbleiterindustrie (Catalyze) sowie die Pharmaindustrie (Energize) gestartet.
„Darüber hinaus beteiligen wir uns an branchenweiten Initiativen, wie Margo zur Förderung offener Standards und Data-4Industry-X zur Nutzung von Industriedaten für die digitale Transformation“, ergänzt J. Bethune.